Make your own free website on Tripod.com

Alan Watts - Ego

Goldmann Verlag - ISBN 3-442-11798-4

 

 

Ich glaube, die faszinierendste
Frage, die es überhaupt gibt, ist: Wer bin ich? Oder: Was bin
ich? Derjenige, der sieht, derjenige, der weiß und der man selbst
ist, das ist die unzugänglichste aller Erfahrungen, geheimnisvoll
und verborgen.

Wir reden von unserem Ego. Wir
verwenden das Wort Ich. Es hat mich schon immer furchtbar
wundergenommen, was die Leute mit dem Wort Ich meinen,
denn es kommt in ihren Reden auf eine merkwürdige Weise zum
Ausdruck. Wir sagen zum Beispiel nicht: »Ich bin ein Körper.«
Wir sagen: »Ich habe einen Körper.« Wir scheinen uns
irgendwie nicht mit allem von uns zu identifizieren. Ich sage:
»Meine Füße, meine Hände, meine Zähne«, als ob sie
außerhalb meiner selbst liegen würden. Und soweit ich sehen
kann, haben die meisten Leute das Gefühl, ein ungefähr in der
Mitte zwischen den Ohren, hinter den Augen im Kopf liegendes
Etwas zu sein, und der Rest baumelt irgendwie aus diesem
Zentrum heraus. Und das Herrschaftsprinzip da drinnen ist,
was wir das Ego nennen. Das bin ich!

Doch ich werde den Gedanken
einfach nicht los, daß das eine Halluzination ist. Das ist
überhaupt nicht, was Sie sind. Und außerdem ist es eine sehr
gefährliche Halluzination, weil sie einem die Vorstellung
eingibt, ein Zentrum von Bewußtsein, Energie und Verant-
wortung zu sein, das allem übrigen gegenübergestellt ist. Sie
sind das Prinzip im Innern Ihres eigenen Körpers, als ob Ihr
Körper ein Wagen und Sie der Chauffeur wären. Sie fühlen sich
wie in einer Falle, weil Ihr Körper übel dran ist. Er wird krank,
müde, er schmerzt, wird schließlich abgenutzt und stirbt. Sie
fühlen sich in der Sache gefangen, weil Sie sich davon
verschieden fühlen.

Außerdem haben Sie das Gefühl,
die Welt außerhalb Ihres Körpers sei eine schreckliche Falle,
voll von Dummköpfen, die manchmal nett zu Ihnen sind,
meistens jedoch nicht. Sie sind alle auf sich selber aus, genau
wie Sie auch, und deshalb ist die Hölle los. Das übrige,
abgesehen von den Leuten, ist vollkommen blöd und stumpf-
sinnig-Tiere, Pflanzen, Gemüse und Felsen; schließlich
befinden sich hinter der ganzen Geschichte glühende Zentren
der Radioaktivität, die Sterne heißen, und dort draußen gibt's
keine Luft und auch keinen Platz für einen lebenden Menschen.

Wir haben gelernt, uns als die
Zentren eines sehr, sehr zarten, sensiblen, verwundbaren
Bewußtseins zu fühlen, das einer Welt gegenübersteht, die sict
keinen Deut um uns kümmert. Und so müssen wir mit dieser
äußeren Welt einen Kampf anzetteln und sie unter das Joch
unseres Willens prügeln. Wir sprechen von der Eroberung der
Natur; wir erobern alles. Wir sprechen von der Eroberung von
Bergen, der Eroberung des Raums, der Eroberung der Krebs-
krankheit usw. Wir sind im Krieg. Und dies deshalb, weil
wir uns als einsame Ego-Prinzipien vorkommen, gefangen und
irgendwie unentflechtbar mit einer Welt verbunden, die sich
nicht nach unserem Sinn richtet, außer wir vermögen sie dazu
zu zwingen.

Ich habe den Eindruck, daß
dieses Ego-Gefühl eine Halluzination ist. Eine vollkommen
falsche Vorstellung von einem Ego, das in einem Sack Haut
eingeschlossen ist. In Wirklichkeit sind wir aber zunächst
einmal unser gesamter Körper. Obwohl der Körper von der
Haut abgegrenzt wird, kann ich zwischen meiner Außen- und
meiner Innenseite unterscheiden. Mein Körper kann nur in
einer bestimmten natürlichen Umgebung existieren. Er braucht
offensichtlich Luft, und die Luft muß annähernd eine bestimmte
Temperatur haben, er braucht Nahrung, er muß auf-einem
bestimmten Planeten sein, der sich in der Nähe eines be-
stimmten warmen Sterns befindet und sich regelmäßig um
ihn herumdreht, auf eine harmonische und rhythmische Weise,
so daß das Leben weitergehen kann. Diese Einrichtungen sind
für die Existenz meines Körpers genauso wesentlich wie für
seine eigenen inneren Organe- mein Herz, mein Gehirn, meine
Lunge und so weiter. So kann also der physische Körper in
keiner Weise von der natürlichen Umgebung, in der ich lebe,
abgetrennt werden.

Nun, das heißt, daß ich als ein
Körper ebenso zu meiner natürlichen Umgebung gehöre, wie
Bienen zu Blumen gehören. Bienen sehen ganz anders aus als
Blumen. Die Blume wächst aus dem Boden hervor, sie färbt und
parfümiert die Luft. Die Biene ist unabhängig, sie summt und
fliegt umher. Doch wo keine Bienen sind, da sind auch keine
Blumen, und wo keine Blumen sind, da sind auch keine Bienen.
Sie gehören zusammen und bilden in diesem Sinne gemeinsam
ein einziges System. Ersetzen Sie das Wort System mit dem
Wort Organismus, eine einzelne Lebensform, ein einzelnes
Individuum, Bienen und Blumen, so verschieden sie auch
aussehen. Meine Füße sehen natürlich ganz anders aus als mein
Kopf. Natürlich hängen sie am gleichen Faden, und so sagen
wir: »Nun, all das gehört natürlich zusammen.« Kopf und Fuß
sind sehr verschieden, doch beide bin ich selbst. Die Füße und
der Kopf gehören, obwohl sie verschieden aussehen, zusammen
wie die Bienen und die Blumen.

Will ich mich also auf eine
wissenschaftliche Weise definieren und eine klare Beschreibung
von meinem Körper, meinem Organismus, von meinem
Verhalten geben und beschreiben, was der Körper tut, so muß
ich auch die Umgebung beschreiben, in der er das tut. Mit
andern Worten, es wäre sinnlos, mich selbst beim Gehen zu
beschreiben, ohne auch den Boden zu beschreiben. Denn wenn
ich den Boden nicht beschriebe, wäre die Beschreibung des
Gehens einfach die eines Menschen, der mit seinen Beinen im
leeren Raum herumruderte. Das wäre kein Gehen - ich muß
den Boden angeben, auf dem ich gehe.

Was ich bin, ist eine Transaktion
oder eine Interaktion zwischen diesem Organismus und seiner
Umgebung. Sie gehören zusammen und bilden das, was in der
Physik Kraftfeld genannt wird. Und das ist, was ich von einem
rein physischen, wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen
bin. Es mögen noch viele andere Dinge mitspielen, doch ich bin
jedenfalls ein Organismus/Umgebung.

Doch so fühlt sich mein Ego
nicht. Das ist nicht die gewöhnliche, gängige Vorstellung vom
Ich. Weil Ich mit dem Organismus und nicht mit der Umge
bung assoziiert wird. Es stellt sich der Umgebung gegenüber,
und es wird nicht mit der Gesamtheit der Organismen
assoziiert. Das Ich neigt dazu, den übrigen Organismus so zu
betrachten, wie der Chauffeur seinen Wagen betrachtet.

Wie kommen wir zu diesem
falschen Gefühl, ein Ego zu sein? Ich habe den Eindruck, daß
hier zweierlei im Spiel ist, und die Sache, die wir zuerst
verstehen müssen, ist, daß wir im Verlauf der Zivilisation
unsere Wörter und Symbole über die Welt mit dieser selbst zu
verwechseln begannen. Die >Allgemeine-Semantik<-Gruppe, die
von Dr. Alfred Korzybski gegründet wurde, hat ein kleines Lied:
»Oh, das Wort ist nicht das Ding, das Wort ist nicht das Ding,
ho-he, ha-he, ho-he, das Wort ist nicht das Ding.«
Offensichtlich kann man vom Wort Wasser nicht naß werden.
Das Bild, die Idee, das Symbol, das Wort ist nicht die
Wirklichkeit. Was wir als Ich empfinden, besteht aus dem Bild
oder der Vorstellung von uns selbst, die wir einem Spiegel
entnehmen, oder daraus, daß wir uns auf Band hören oder auf
dem Bildschirm sehen.