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Aus Die stürmische Suche nach dem Selbst

von Christina und Stanislav Grof

Kapitel 7

Moderne Landkarten des Bewußtseins


Gleich der Giraffe und dem Schnabeltier sind die Wesen,
die die entlegenen Zonen der Psyche bewohnen, äußerst
unvorstellbar. Dennoch gibt es sie, sie sind wahrnehmba-
re Realitäten, und als solche können sie von niemandem
unbeachtet gelassen werden, der ehrlich versucht, die
Welt, in der wir leben, zu verstehen.

Aldous Huxley, Himmel und Hölle 35

Wir haben in dem vorhergehenden Kapitel gesehen, daß die
Kulturen aller Zeiten ein profundes Interesse an außergewöhnli-
chen Bewußtseinszuständen gezeigt haben. Sie haben wirksame
Mittel entwickelt, diese herbeizuführen und die unterschiedlichen
Stadien der spirituellen Reise beschrieben. Jahrhunderte oder
vielleicht sogar Jahrtausende lang wurde dieses Wissen von einer
Generation an die nächste weitergegeben, wobei es im Laufe
dieses Prozesses immer verfeinerter und vollkommener wurde. Zu
Beginn der Moderne, als die westliche Wissenschaft noch in den
Kinderschuhen steckte, wurden diese uralten Weisheiten verwor-
fen und durch Modelle der Psyche ersetzt, die auf einer streng
materialistischen Philosophie der Natur aufbauten. Als die neue
Disziplin der Psychiatrie ihre Prinzipien und Kriterien an die
spirituelle Geschichte der Menschheit anlegte, wurden mystische
Zustände und große religiöse Persönlichkeiten in das Reich der
Psychopathologie verwiesen.

In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts stand die akademische
Psychiatrie unter dem Einfluß dreier wesentlicher Orientierungen:
der biologischen Denkweise, des Behaviorismus und der Psycho-
analyse. Jede lieferte ihre eigene Interpretation der menschlichen
Psyche und Kultur und reduzierte die Komplexität des mentalen
Lebens entweder auf organische Prozesse im Gehirn, auf einfache
physiologische Reflexe oder auf primitive instinkthafte Impulse.
Keines dieser Systeme ließ Raum für Spiritualität und ihre Rolle
im Leben des Menschen.

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Dramatische Entwicklungen in den fünfziger und besonders in den
sechziger Jahren brachten ernsthafte Herausforderungen für ein
so begrenztes Verständnis von Psychologie mit sich. Das entschei-
dende Element dabei war, daß viele Fachleute und Laien selbst
Erfahrungen mit kraftvollen Technologien des Heiligen aus ver-
schiedenen Kulturen und ihren modernen Analogien machten.
Dies führte zu der Erkenntnis, daß wir im Laufe unserer entschlos-
senen Suche nach Logik und nüchterner Rationalität die vielen
mächtigen Werkzeuge und das unschätzbare empirische Wissen
unserer Ahnen übersehen hatten.

Den Schlüssel zu dieser Erkenntnis lieferten mehrere Einflüsse:
das Masseninteresse an den meditativen Praktiken der mystischen
Traditionen aus Ost und West, das Experimentieren mit schama-
nischen Techniken, die psychedelische Forschung und die Ent-
wicklung von bewußtseinsverändemden Methoden wie Biofeed-
back und sensorischer Deprivation in Forschungslabors. Ehrliche
persönliche Berichte einer neuen Generation von Anthropologen
über ihre Erfahrungen in schamanischen Kulturen und wissen-
schaftliche Studien von Nah-Tod-Erfahrungen stellten die tradi-
tionelle Psychiatrie und Psychologie vor neue Herausforderungen.
Manche der Forscher, die diese Interessengebiete systematisch
untersuchten, gelangten zu der Schlußfolgerung, die ewige Weis-
heit verdiene eine neuerliche Prüfung, und die wissenschaftlichen
Konzepte und Glaubenssätze zu diesem Thema müßten überar-
beitet und erweitert werden.

Psychedelische Therapie und Holotrope Atemarbeit©
Wie Stan in seinem Vorwort erwähnte, hat ihn seine klinische
Forschung mit Psychedelika davon überzeugt, daß die Territorien
der menschlichen Psyche nicht auf das Freudsche Unbewußte und
Erinnerungen an das postnatale Leben begrenzt sind. Psychedeli-
sche Sitzungen führten Menschen wiederholt in Erfahrungsberei-
che, die von den verschiedenen alten Karten des Bewußtseins her
bekannt waren, die aber in den Modellen der traditionellen west-


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lichen Psychiatrie nicht vorkamen. Diese frühen Beobachtungen
zeigten die Notwendigkeit, eine ausführliche Kartographie des
Unbewußten zu entwickeln, die nicht nur die biographische Ebene,
sondern auch zwei weitere Bereiche umfaßte - den perinatalen
und den transpersonalen. Später zeigte sich, daß diese Kartogra-
phie in Wirklichkeit eine um die Daten aus der Bewußtseinsfor-
schung des 20. Jahrhunderts erweiterte, moderne Version der
immerwährenden Landkarte war.

Obwohl die neue Karte der Psyche auf Beobachtungen aus der
psychedelischen Arbeit beruhte, gab es deutliche Hinweise darauf,
daß sie nicht nur für psychedelische Sitzungen von Bedeutung
war, sondern für alle außergewöhnlichen Bewußtseinszustände
und die Psyche des Menschen im allgemeinen. Es wurde immer
offensichtlicher, daß die pharmakologische Wirkung von LSD und
ähnlichen Substanzen keine psychologischen Inhalte erzeugte.
Man konnte sie am besten als unspezifischen Katalysator sehen -
einen Mittler, der die Psyche energetisieren und die Manifestation
von bislang unbewußten Inhalten möglich machen konnte. Dies
fand weitere Bestätigung durch die Tatsache, daß sich solche
Erfahrungen auch in den Bewußtseins-Landkarten von Kulturen
finden ließen, die keine Psychedelika, sondern starke nicht-phar-
makologische Methoden einsetzten, um das Bewußtsein zu ver-
ändern.

Es war jedoch schwierig, die Möglichkeit, daß die Erfahrungen
doch von den psychedelischen Substanzen produziert wurden,
ganz auszuschließen. Unsere letzten Schatten des Zweifels lösten
sich radikal auf, als wir Mitte der Siebziger eine Methode der
tiefen erfahrenden Selbsterforschung und Therapie, die wir jetzt
Holotrope Atemarbeit® nennen, entwickelten und systematisch in
unseren Workshops einzusetzen begannen.

Diese Methode, bei der einfache Mittel wie schnelleres Atmen,
Musik und Töne und eine bestimmte Art von Körperarbeit kom-
biniert werden, kann das gesamte Spektrum von Erfahrungen
induzieren, die wir früher bei psychedelischen Sitzungen gesehen
haben. Diese Erfahrungen sind im allgemeinen sanfter, und der
Betroffene hat mehr Kontrolle über sie, aber ihre Inhalte sind im

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wesentlichen gleich, obwohl keine Drogen eingenommen werden.
Der Hauptkatalysator ist hierbei nicht eine mächtige und myste-
riöse psychoaktive Substanz, sondern der denkbar natürlichste und
grundlegendste physiologische Prozeß - die Atmung.

Die durch die Holotrope Atemarbeit® ausgelösten Erfahrungen
haben eine sehr stark heilende und transformierende Wirkung. Da
bei verschiedenen Formen von spontanen psychospirituellen Kri-
sen grundsätzlich gleiche Arten von Erfahrungen vorkommen,
haben die Beobachtungen aus den holotropen Sitzungen große
theoretische und praktische Bedeutung für das Konzept der spiri-
tuellen Krisen. Sie legen nahe, daß solche Krisen echte Ausdrucks-
formen der menschlichen Psyche sind und nicht künstliche Pro-
dukte eines pathologischen Prozesses und daß es sich um spontane
Versuche des Organismus handelt, sich selbst zu heilen und seine
Funktionsweisen zu vereinfachen.

Viele holotrope Sitzungen lassen schwierige Emotionen oder
diverse unangenehme Körpergefühle an die Oberfläche kommen.
Ihr volles Auftauchen macht es einem möglich, sich von ihrem
störenden Einfluß zu befreien. Die allgemeine Regel bei der
holotropen Arbeit lautet, daß man sich eines Problems dadurch
entledigt, daß man sich ihm frontal stellt und es durcharbeitet. Das
ist ein Prozeß des Ausräumens und Vernichtens alter Traumata.
Er öffnet häufig den Weg zu sehr angenehmen oder sogar eksta-
tischen und transzendentalen Erfahrungen und Gefühlen.

Es ist bemerkenswert, daß so elementare Mittel wie schnelleres
Atmen und Musik ein ganzes Spektrum von kraftvollen Erfahrun-
gen auslösen können, die denen bei psychedelischen Sitzungen
wie auch bei spirituellen Krisen sehr ähnlich, wenn nicht gar mit
ihnen identisch sind. Aufgrund der tiefen Übereinstimmung, die
zwischen diesen drei Zuständen besteht, ist eine neue Kartogra-
phie der Psyche für sie alle ein nützlicher Führer. Intellektuelle
Kenntnisse der inneren Territorien und ein Verständnis der Sta-
dien des transformativen Prozesses können für Menschen, die
außergewöhnliche Bewußtseinszustände erfahren, seien sie nun
geplant und mit bekannten Mitteln herbeigeführt oder unerwartet
und spontan, eine große Hilfe sein.

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Eine Landkarte der inneren Reise

Das Spektrum der Erfahrungen in außergewöhnlichen Bewußt-
seinszuständen ist extrem breit. All diese Erfahrungen scheinen
jedoch in drei Kategorien zu fallen. Einige sind biographischer
Natur und stehen in Beziehung zu verschiedenen postnatalen
traumatischen Ereignissen im Leben. Bei einer zweiten Gruppe
dreht es sich hauptsächlich um zwei Themen: Sterben und Gebo-
renwerden. Sie scheinen tief mit dem Trauma der biologischen
Geburt verbunden. Die dritte große Kategorie schließt Erfahrun-
gen ein, die als transpersonal bezeichnet werden können und weit
über die Grenzen der gewöhnlichen menschlichen Erfahrung
hinausreichen. Sie sind eng mit dem Jungschen kollektiven Un-
bewußten verbunden.

Biographische Erfahrungen: Postnatale Erinnerungen
wiedererleben

Wenn die unbewußte Psyche aktiviert wird, sind die ersten leicht
verfügbaren Erfahrungen Erinnerungen an Ereignisse, die sich im
Leben des Menschen nach der Geburt abgespielt haben. Solange
der Prozeß auf dieser Ebene bleibt, tauchen diverse unerledigte
Themen aus der Vergangenheit im Bewußtsein auf und werden
zum Inhalt der Erfahrung. Man weiß aus der traditionellen Psy-
chotherapie, daß der Zugang zu dieser Ebene des Unbewußten
wichtig für die therapeutische Arbeit ist. Dieser Bereich ist von
den biographisch orientierten Therapeuten gründlich erforscht und
kartographiert worden.

Man muß hier jedoch unbedingt darauf hinweisen, daß unerledigte
biographische Themen nicht notwendigerweise auf psychische
Traumata beschränkt sind. Häufig werden körperliche Gefahren
wie Krankheiten, Operationen oder Beinahe-Ertrinken wiederer-
lebt, bei denen man extremen Emotionen und Körperempfindun-
gen begegnet. Erinnerungen an körperliche Traumata bilden oft
die Quelle ernster emotionaler und psychosomatischer Probleme

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wie Depressionen, verschiedene Phobien, Asthma, Migräne und
schwere Muskelschmerzen. Diese Symptome können sich drama-
tisch verringern oder sogar ganz verschwinden, wenn man die
ihnen zugrundeliegenden Erinnerungen ins Bewußtsein bringt.

Perinatale Erfahrungen: Der- Prozeß des psychischen Todes und
der Wiedergeburt

Da wir uns unter gewöhnlichen Umständen nicht an die Details
unserer Geburt erinnern können, haben die meisten Fachleute und
auch Laien Schwierigkeiten zu glauben, sie könnten psychisch
signifikant sein. Aber die neuere Forschung hat wiederholt die
ursprünglichen Gedanken von Freuds Schüler Otto Rank über die
herausragende Rolle, die das Geburtstrauma und sogar pränatale
Einflüsse im Leben des Menschen spielen, bestätigt und verfeinert.
Diese Ergebnisse haben ein ganz neues Feld hervorgebracht: die
pränatale und perinatale Psychologie.

Wenn die außergewöhnlichen Bewußtseinszustände tiefer wer-
den, bewegen sich die Erfahrungen meist über die postnatale
Biographie hinaus auf zwei entscheidende Aspekte des mensch-
lichen Lebens zu - seinen Anfang und sein Ende. Auf der
perinatalen Ebene sind Geburt und Tod fein miteinander verfloch-
ten, was die Tatsache wiederzuspiegeln scheint, daß die Geburt
des Menschen ein schwieriges und potentiell lebensbedrohendes
Ereignis ist. Viele von uns haben einen Vorgeschmack des Todes
gekommen, als wir im Geburtskanal darum rangen, unsere Exi-
stenz auf dieser Welt beginnen zu können. Wenn jemand die
Erinnerungen an die Geburt durchlebt, sieht er sich oft extremen
Formen von Angst vor dem Tod, Kontrollverlust oder Wahnsinn
rusgeliefert. Das führt dazu, daß er sich sehr ungewöhnlich verhält
ind sein Zustand einen psychoseähnlichen Charakter aufweisen
tann.

Kenn das Material aus der perinatalen Ebene des Unbewußten ins
B ewußtsein auftaucht, setzt eine starke Beschäftigung mit dem
rod ein. Die Betroffenen können von einer intensiven Angst vor


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dem Tod überwältigt werden, todesverwandte Bilder sehen und
zu der Überzeugung gelangen, ihr Leben sei tatsächlich biologisch
bedroht. Diese Erfahrungen wechseln sich mit einem dramati-
schen Ringen darum ab, geboren zu werden oder sich aus einer
sehr ungemütlichen Form von Eingeschlossensein zu befreien.
Manchmal fallen sie sogar damit zusammen. In dieser Situation
kann man das Trauma der eigenen biologischen Geburt wiederer-
leben. Der Prozeß kann sich aber auch wie eine spirituelle Geburt
anfühlen - eine kräftige mystische Öffnung und Wiederverbin-
dung mit dem Göttlichen.

Diese Erfahrungen sind oft mit mythologischen Motiven aus dem
kollektiven Unbewußten durchsetzt, die C. G. Jung als Archety-
pen beschrieben hat. Einige können Figuren von Gottheiten sein,
die für Tod und Wiedergeburt stehen, andere porträtieren die
Unterwelt und die Hölle oder umgekehrt das Paradies und die
himmlischen Reiche. Der konkrete Symbolismus, der mit diesen
archetypischen Themen einhergeht, kann aus jeder Kultur der
Welt bezogen werden und ist in keiner Weise auf vorhandene
intellektuelle Kenntnisse der betreffenden Gebiete beschränkt.
Die perinatale Ebene des Unbewußten stellt daher die Schnitt-
stelle zwischen dem individuellen und dem kollektiven Unbe-
wußten dar.

Ist die perinatale Ebene erst einmal aktiviert, beginnt ein komple-
xer psychischer Prozeß von Tod und Wiedergeburt. Dazu gehören
bestimmte klar unterscheidbare Erfahrungsmuster, die von spezi-
fischen Emotionen, Körpergefühlen und symbolischen Bildern
charakterisiert werden. Eine genauere Untersuchung enthüllt, daß
diese Muster mit den Stadien der biologischen Geburt verwandt
sind - von dem Zustand vor dem Beginn der Entbindung bis zu
dem Moment, an dem man auf die Welt kommt.

Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, all die Eigenarten
dieser Verbindungen im Detail zu erörtern. Wir werden sie hier
aber kurz umreißen, da sie für das Verständnis vieler Aspekte von
spirituellen Krisen wichtig sind. Eine ausführlichere Beschreibung
findet sich in Stanislav Grofs Buch Das Abenteuer der Selbstent-
deckung.

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Das amniotische Universum. Das pränatale intrauterine Leben
kann man als das »amniotische Universum« bezeichnen. Der
Fötus scheint sich keiner Grenzen bewußt zu sein und nicht
zwischen dem Inneren und dem Äußeren differenzieren zu kön-
nen. Dies spiegelt sich in der Natur der Erfahrungen, die mit dem
Wiedererleben der Erinnerung an den pränatalen Zustand zusam-
menhängen. Bei Episoden ungestörter pränataler Existenz kann
man Gefühle von riesigen Gebieten ohne Grenzen oder Schranken
haben. Man identifiziert sich mit Galaxien, interstellaren Räumen
oder dem gesamten Kosmos. Oder man macht die Erfahrung, der
ganze Ozean zu sein, im Meer zu schweben oder sich mit
verschiedenen Meerestieren wie Fischen, Delphinen oder Walen
zu identifizieren. Dies scheint die Tatsache zu reflektieren, daß
der Fötus im wesentlichen ein Wassergeschöpf ist. Manche haben
auch Visionen von Mutter Natur - sicher, wunderschön und so
bedingungslos nährend wie eine gute Gebärmutter: üppige Obst-
haine, reife Getreidefelder, landwirtschaftlich genutzte Terrassen
in den Anden oder unverdorbene polynesische Inseln. Die Bilder
aus den mythologischen Reichen des kollektiven Unbewußten, die
oft in diesem Zusammenhang erscheinen, porträtieren verschiede-
ne himmlische Reiche und Paradiese.

Menschen, die Episoden von intrauterinen Störungen wiedererle-
ben, sogenannte »schlechte Gebärmutter-Erfahrungen«, spüren
eine dunkle und ominöse Bedrohung und haben oft das Gefühl,
sie würden vergiftet. Sie sehen vielleicht Bilder von verseuchtem
Wasser und Giftmüllhalden, die vermutlich die Tatsache reflek-
tieren, daß viele pränatale Störungen durch toxische Veränderun-
gen im Körper der schwangeren Mutter ausgelöst werden. Sequen-
zen dieser Art können mit Visionen von erschreckenden dämoni-
schen Wesen einhergehen. Wer noch gewalttätigere Störungen der
pränatalen Existenz wiedererlebt, wie etwa eine drohende Fehlge-
burt oder versuchte Abtreibung, der erfährt gewöhnlich irgendeine
Form von universaler Bedrohung oder blutige apokalyptische
Bilder vom Ende der Welt. Dies spiegelt wiederum die engen
Verbindungen zwischen Ereignissen in der eigenen biologischen
Geschichte und den Jungschen Archetypen.

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Das kosmische Verschlungenwerden. Menschen, die den eigent-
lichen Beginn der Geburt wiedererleben, haben meist das Gefühl,
sie würden in einen riesigen Strudel gesaugt oder von einem
mythischen Tier gefressen werden. Sie können auch die Erfahrung
machen, daß die ganze Welt irgendwie verschlungen wird. Sie
sehen dann tatsächlich Bilder von reißenden archetypischen Mon-
stern wie Seeungeheuern, Drachen, Riesenschlangen, Taranteln
und Tintenfischen. Diese Erfahrung einer überwältigenden Bedro-
hung des Lebens kann zu intensiver Angst und allgemeinem
Mißtrauen führen, die an Paranoia grenzen. Andere haben das
Gefühl, sie stiegen in die Tiefen der Unterwelt hinab, in das Reich
des Todes oder die Hölle.

Kein Ausgang. Das erste Stadium der Geburt ist dadurch gekenn-
zeichnet, daß die Gebärmutterkontraktionen, die Wehen, den
Fötus immer wieder einengen und die Cervix (Gebärmutterhals)
noch nicht geöffnet ist. Jede Kontraktion verursacht neuen Druck,
und der Fötus wird von Sauerstoffmangel bedroht. Dieses Stadium
wiederzuerleben, ist eine der schlimmsten Erfahrungen, die ein
Mensch machen kann. Man fühlt sich wie in einem klaustropho-
bischen Alptraum gefangen, ist quälendem physischen und emo-
tionalen Schmerz ausgesetzt und spürt äußerste Hilflosigkeit und
Hoffnungslosigkeit. Gefühle von Einsamkeit, Schuld, von der
Absurdität des Lebens und existentieller Verzweiflung erreichen
metaphysische Ausmaße. Wer in diese mißliche Lage gerät,
gelangt oft zu der Überzeugung, daß diese Situation nie enden
wird und daß es keinen Ausweg gibt.

Das Wiedererleben dieses Stadiums der Geburt geht meist mit
Sequenzen einher, die von Menschen, Tieren und sogar mytholo-
gischen Wesen in einer ähnlich schmerzhaften und hoffnungslo-
sen Lage handeln. Man identifiziert sich mit Gefangenen in
unterirdischen Verliesen und den Insassen von Konzentrationsla-
gern oder Irrenanstalten und spürt den Schmerz des gefangenen
Wildes in der Falle. Man kann sogar die unerträglichen Torturen
der Sünder in der Hölle, die Agonie von Christus am Kreuz oder

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von Sisyphus spüren, der in den Tiefen des Hades seinen Stein
den Berg hinaufrollen mußte.

Es ist nur natürlich, daß jemand, der vor diesem Aspekt der Psyche
steht, zögert, sich damit zu konfrontieren. Tiefer in diese Erfah-
rung hineinzugehen, scheint so zu sein, als nähme man die ewige
Verdammnis an. Aus der spirituellen Literatur weiß man aber, daß
dieser Zustand der Dunkelheit und abgrundtiefen Verzweiflung
ein Stadium der spirituellen Öffnung ist, das eine unglaublich
reinigende und befreiende Wirkung haben kann.

Das Ringen zwischen Tod und Wiedergeburt. Viele Aspekte
dieser reichen und prächtigen Erfahrung lassen sich aus ihrer
Verbindung mit dem zweiten klinischen Stadium der Geburt
verstehen, dem Weg durch den Geburtskanal, wenn sich die
Cervix geöffnet hat. Neben den Elementen, die als natürliche
Ableitungen der Geburtssituation leicht zu verstehen sind, wie
etwa Sequenzen von titanischen Kämpfen mit starkem Druck und
Energien oder Szenen von blutiger Gewalt und Torturen, gibt es
andere, die einer besonderen Erklärung bedürfen.

Es scheint im menschlichen Organismus einen Mechanismus zu
geben, der extremes Leiden, besonders wenn dies mit Ersticken
zu tun hat, in eine merkwürdige Form von sexueller Erregung
verwandelt. Das erklärt, warum es beim Wiedererleben der Geburt
oft zu einer großen Vielfalt an sexuellen Erlebnissen und Visionen
kommt. Man kann eine Kombination von sexueller Erregung und
Schmerz, Aggression oder Angst spüren oder verschiedene sado-
masochistische Sequenzen, Vergewaltigung und Situationen sexu-
ellen Mißbrauchs erfahren oder pornographische Bilder sehen. Die
Tatsache, daß der Fötus in den letzten Stadien der Geburt ver-
schiedenen Arten von biologischem Material begegnen kann -
Blut, Schleim, Urin und selbst Fäkalien - scheint die Erklärung
dafür zu sein, daß auch diese Elemente bei den Sequenzen von
Tod und Wiedergeburt eine Rolle spielen.

Diese Erfahrungen gehen oft mit spezifischen archetypischen
Elementen aus dem kollektiven Unbewußten einher, besonders
solchen, die mit heroischen Figuren und Gottheiten verwandt sind,


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die Tod und Wiedergeburt repräsentieren. In diesem Stadium
haben viele Leute Visionen von Jesus Christus, vom Kreuzweg
und von der Kreuzigung oder identifizieren sich tatsächlich in
vollem Maße mit dem Leiden Christi. Andere nehmen Verbindung
zu solchen mythologischen Themen und Gestalten wie dem ägyp-
tischen Götterpaar Isis und Osiris, dem griechischen Gott Diony-
sos oder der sumerischen Göttin Inanna und ihrem Abstieg in die
Unterwelt auf.

Das häufige Auftauchen von Motiven, die mit verschiedenen
satanischen Ritualen und dem Hexensabbat verwandt sind, scheint
mit der Tatsache zusammenzuhängen, daß das Wiedererleben
dieses Stadiums der Geburt dieselbe merkwürdige Kombination
von Emotionen, Sinneswahrnehmungen und Elementen aufweist,
die auch die archetypischen Szenen der Schwarzen Messe und der
Walpurgisnacht kennzeichnen: sexuelle Erregung, Aggression,
Schmerz, Opfer und Begegnungen mit normalerweise abstoßen-
dem biologischen Material - und all das geht mit einem eigenar-
tigen Gefühl von Heiligkeit oder Numinosität einher.

Viele Menschen begegnen kurz vor der Erfahrung der (Wieder-)
Geburt dem Motiv des Feuers. Das ist ein etwas rätselhaftes
Symbol. Seine Verbindung mit der biologischen Geburt ist nicht
so direkt und offensichtlich wie viele der anderen symbolischen
Elemente. Man kann das Feuer entweder in seiner gewöhnlichen
Form oder in der archetypischen Variante der reinigenden Flam-
men erleben. In diesem Stadium des Prozesses kann das Gefühl
entstehen, der Körper stünde in Flammen, können Visionen von
brennenden Städten und Wäldern oder die Identifikation mit
Verbrennungsopfern vorkommen. In der archetypischen Version
scheint das Brennen eine reinigende Wirkung zu haben, alles zu
zerstören, was korrupt ist, und das Individuum für die spirituelle
Wiedergeburt vorzubereiten.

Die Erfahrung von Tod und Wiedergeburt. Wenn die Erinne-
rung, die in das Bewußtsein aufsteigt, den Moment der eigenen
biologischen Geburt betrifft, erlebt man oft Tod und Wiederge-
burt. Hier vollendet man den vorangegangenen schwierigen Pro-


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zeß der Austreibung durch den Geburtskanal und erlangt eine
explosive Befreiung, wenn man das Licht erreicht. Dabei erlebt
man oft verschiedene spezifische Aspekte dieses Stadiums der
Geburt als konkrete und realistische Erinnerungen wieder. Dazu
können die Erfahrungen der Anästhesie, der Druck der Zange
und die Sinneswahrnehmungen gehören, die mit den diversen
geburtshilflichen Eingriffen oder postnatalen Maßnahmen zu tun
haben.

Um zu verstehen, warum das Wiedererleben der biologischen
Geburt in der Form von Tod und Wiedergeburt stattfindet, muß
man erkennen, daß das, was geschieht, mehr ist als einfach eine
Wiederaufführung des ursprünglichen Ereignisses. Da der Fötus
während des Geburtsvorgangs vollkommen eingeschlossen ist und
keine Möglichkeit hat, die damit verbundenen extremen Emotio-
nen und Sinneswahrnehmungen auszudrücken, bleibt die Erinne-
rung an dieses Ereignis psychisch unverdaut und wird nicht
assimiliert. Ein Großteil unserer späteren Selbst-Definition und
unserer Einstellungen zur Welt ist stark von der beständigen
Mahnung an die Verletzbarkeit, Unzulänglichkeit und Schwäche
infiziert, die wir bei der Geburt erlebt haben. In gewissem Sinne
sind wir zwar anatomisch geboren, haben diese Tatsache aber
emotional noch nicht eingeholt.

Das »Sterben« und die Agonie während des Kampfes um die
Wiedergeburt reflektieren den wirklichen Schmerz und die lebens-
bedrohliche Situation des biologischen Geburtsprozesses. Aber
der Ich-Tod, der unserer Wiedergeburt vorausgeht, ist der Tod
unserer alten Konzepte davon, wer wir sind und wie die Welt ist,
wie sie durch die traumatische Prägung der Geburt geschmiedet
wurden. Wenn wir diese alten Programmierungen dadurch lö-
schen, daß wir sie ins Bewußtsein aufsteigen lassen, werden sie
irrelevant, und in gewissem Sinne sterben sie. So erschreckend
wie dieser Prozeß sein mag, in Wirklichkeit ist er doch sehr heilend
und transformierend.

Auf den Moment des Ich-Todes zuzugehen, kann sich wie das
Ende der Welt anfühlen. Paradoxerweise trennt uns zwar nur ein
kleiner Schritt von der Erfahrung der radikalen Befreiung, aber


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wir haben ein Gefühl von alles durchdringender Angst und einer
bevorstehenden Katastrophe riesigen Ausmaßes. Es kommt uns
so vor, als würden wir alles verlieren, was wir sind. Zugleich
haben wir keine Ahnung, was auf der anderen Seite ist oder ob
da überhaupt etwas ist. Diese Furcht bringt viele Leute dazu, sich
dem Prozeß in diesem Stadium zu widersetzen, was dazu führt,
daß sie in diesem problematischen Gelände steckenbleiben.
Überwindet man die metaphysische Angst, der man an dieser
wichtigen Kreuzung begegnet, und entscheidet sich, den Dingen
ihren Lauf zu lassen, erfährt man die totale Auslöschung auf allen
Ebenen - physische Zerstörung, emotionales Desaster, intellektu-
elle und philosophische Vernichtung, letztendliches moralisches
Versagen und sogar die spirituelle Verdammnis. Bei dieser Erfah-
rung scheinen alle Bezugspunkte - alles, was im Leben des
Individuums wichtig und bedeutungsvoll ist - gnadenlos zerstört
zu werden.

Unmittelbar nach dieser totalen Auslöschung - der Landung auf
kosmischem Grund - wird man häufig von Visionen von Licht
überwältigt, das eine übernatürliche Leuchtkraft und Schönheit
aufweist und meist als göttlich wahrgenommen wird. Wer das
überlebt, was die ultimativen apokalyptischen Erfahrungen zu sein
schienen, erlebt nur wenige Sekunden später phantastische Dar-
bietungen von Regenbögen, Pfauenfeder-Mustern und himmli-
schen Szenen. Er fühlt sich gerettet, erlöst und gesegnet und findet
seine göttliche Natur und kosmischen Status wieder. In diesem
Moment wird er oft von einer Welle positiver Emotionen für sich
selbst, andere Menschen, die Natur und die Existenz im allgemei-
nen überflutet. Diese Art von heilender und lebensverändernder
Erfahrung tritt auf, wenn die Geburt nicht zu schwächend oder
durch starke Anästhesie beeinträchtigt war. Wenn letzteres der
Fall war, muß der Betreffende auf dem Gebiet der damit zusam-
menhängenden Traumata psychologisch arbeiten.

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Transpersonale Erfahrungen

Jenseits der biographischen und der perinatalen Bereiche in der
Psyche liegt das transpersonale Reich. Dies ist ein moderner
Begriff für eine Vielfalt von Erfahrungen, die in anderen Zusam-
menhängen als spirituell, mystisch, religiös, magisch, parapsycho-
logisch oder paranormal bezeichnet werden. Dieses gesamte Ge-
biet war in der Vergangenheit vielen Fehlinterpretationen und
wilden Verzerrungen ausgesetzt. Ein von den üblichen Mißver-
ständnissen freies Wissen um die Natur und die grundlegenden
Charakteristika der transpersonalen Phänomene ist für das Ver-
ständnis und die Behandlung von spirituellen Krisen von großer
Bedeutung.

Die bemerkenswerte Natur der transpersonalen Phänomene wird
deutlich, wenn wir sie mit unserer Alltagswahrnehmung der Welt
und den Begrenzungen, die wir für zwingend und unvermeidbar
halten, vergleichen. Im gewöhnlichen oder »normalen« Bewußt-
seinszustand nehmen wir uns selbst als feste materielle Körper
und unsere Haut als Grenze und Verbindungsglied zur äußeren
Welt wahr. In den Worten des berühmten Schriftstellers und
Philosophen Alan Watts, der die spirituellen Lehren des Ostens
für die Menschen des Westens interpretiert und zugänglich ge-
macht hat, führt uns das zu dem Glauben, wir seien ein »hautver-
kapseltes Ich«.

Wir sind in unserer Wahrnehmung der Welt üblicherweise durch
die Reichweite unserer Sinne und die Struktur der Umwelt be-
grenzt. Wir können keine Schiffe jenseits des Horizonts und
keine Gegenstände sehen, von denen wir durch eine feste Mauer
getrennt sind. Es ist uns unmöglich, Menschen an fernen Orten
zu beobachten oder zu hören. Wir können nichts schmecken, was
nicht in unserem Mund ist, keine Blume riechen, wenn der Wind
von uns wegbläst, nicht die Beschaffenheit eines Gegenstands
spüren, ohne ihn anzufassen. Mit unseren gewöhnlichen Sinnen
k önnen wir nur das erfahren, was hier und jetzt geschieht - an
dem Ort, wo wir uns momentan befinden, und im gegenwärtigen
Moment.

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In transpersonalen Zuständen scheinen all diese Begrenzungen
transzendiert. Wir können uns selbst als ein Spiel von Energien
oder ein Feld von Bewußtsein erleben, das nicht auf ein physisches
Gefäß beschränkt ist. Das kann sich weiter zu einer Identifikation
mit dem Bewußtsein anderer Menschen, ganzer Gruppen oder
sogar der gesamten Menschheit entwickeln. Dieser Prozeß kann
über die Grenzen des Menschen hinausführen und verschiedene
Tiere, Pflanzen und selbst anorganisches Material und Ereignisse
einschließen. Es scheint, als ob alles, was sich im Alltagsleben als
Objekt erfahren läßt, in außergewöhnlichen Bewußtseinszustän-
den ein entsprechendes Gegenstück in einer subjektiven Erfahrung
hat. Im transpersonalen Zustand können wir tatsächlich zu dem
werden und uns mit dem identifizieren, was wir gewöhnlich als
von uns getrennte Elemente wahrnehmen - wie etwa Personen,
Tiere, Bäume und kostbare Steine.

Zeit und Raum hören auf, Begrenzungen zu sein; man kann
diverse historisch und geographisch weit entfernte Ereignisse so
lebhaft erfahren, als fänden sie hier und jetzt statt. Es ist möglich,
an Sequenzen teilzunehmen, die die eigenen Ahnen, tierische
Vorfahren und Menschen in verschiedenen Kulturen und Zeiten
der Vergangenheit betreffen, die überhaupt nicht genetisch mit
uns verwandt sind. In manchen Fällen ist das mit einem Gefühl
des persönlichen Erinnerns verbunden.

Die Welt der transpersonalen Phänomene bietet eine weitere
intellektuelle und philosophische Herausforderung. Häufig gehö-
ren dazu Wesenheiten und Reiche, die in der westlichen Weltsicht
nicht als Teil der objektiven Wirklichkeit gelten, wie Gottheiten,
Dämonen und andere mythologische Persönlichkeiten aus ver-
schiedenen Kulturen oder auch Himmel, Fegefeuer und Höllen.
Diese Erfahrungen sind so überzeugend und wirklich wie dieje-
nigen mit Elementen, die uns aus unserem Alltagsleben vertraut
sind. Die transpersonalen Zustände unterscheiden daher nicht
zwischen der realen Welt, die wir mit anderen teilen, und der
mythologischen Welt der archetypischen Formen.

An dieser Stelle scheint es angemessen, eine Frage zu stellen, die
vermutlich so manchem skeptischen Leser und Vertreter der


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traditionellen Sichtweise der westlichen Wissenschaft auf der
Zunge liegt: Warum sollte den transpersonalen Phänomenen so
viel Bedeutung beigemessen werden, und welche Relevanz hat
diese Diskussion für das Problem der spirituellen Krise? Schließ-
lich heißt die Tatsache, daß die menschliche Psyche solche Erfah-
rungen produziert, und daß die Menschen, die sie machen, sie als
subjektiv wirklich und überzeugend empfinden, nicht, daß man
sie als authentische Verbindungen mit verschiedenen Aspekten
des Universums ernst nehmen müßte.

Das häufigste Argument derer, die sich weigern, auf die transper-
sonalen Phänomene zu achten, ist die Aussage, dies seien zufällige
und bedeutungslose Produkte eines von einem unbekannten
Krankheitsprozeß betroffenen Gehirns. Nach dieser Sichtweise
entspringen die reichen Inhalte unseren Erinnerungen. Wir leben
in einer Kultur, in der wir großen Mengen von Informationsein-
gaben durch Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen, Radio, Filme,
Schulbildung und die Bücher, die wir lesen, ausgesetzt sind. Alles,
was wir erleben, wird mit photographischer Genauigkeit in unse-
rem Gehirn gespeichert. Unter gewissen Umständen erschafft
unberechenbare zerebrale Aktivität aus diesem reichen Material
zahllose Bildfolgen. Diese sind bedeutungslos, ohne jede Rele-
vanz, und dienen in keinster Weise dem Verständnis des mensch-
lichen Geistes.

Das mag denen, die nur oberflächlich mit den Daten und Fakten
vertraut sind, eine brauchbare Erklärung zu sein scheinen. Eine
sorgfältige und systematische Untersuchung von transpersonalen
Erfahrungen zeigt jedoch, daß es sich um außergewöhnliche
Phänomene handelt, die eine beachtliche Herausforderung für die
wissenschaftliche Weltsicht des Westens darstellen. Auch wenn
sie in dem Prozeß der tiefen Selbsterforschung, häufig nach
Erinnerungen an Ereignisse aus der Kindheit, an die Geburt oder
das intrauterine Leben, vorkommen, lassen sie sich nicht aus-
schließlich als Prozesse im menschlichen Gehirn erklären. Ohne
die Vermittlung der Sinne können sie oft direkten Zugang zu
Informationen über das Universum liefern, die unmöglich durch
konventionelle Kanäle erworben sein können.

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In Sequenzen aus dem Leben von Vorfahren und der Geschichte
der eigenen Rasse, aus anderen Kulturen und »früheren Leben«
lernt man häufig neue und genaue Details über Kleidung, Waffen,
Rituale, Architektur und soziale Strukturen der jeweiligen Kultur
und historischen Zeit. Wir haben oft beobachtet, wie Leute, die
sich mit verschiedenen Tieren identifizierten, erstaunliche Ein-
sichten in deren Psychologie, instinkthaftes Verhalten und spezi-
fische Gewohnheiten gewonnen oder sogar in spontanen Bewe-
gungen deren Balztänze aufgeführt haben. Diese Information ging
oft weit über ihre Kenntnisse in den entsprechenden Wissensge-
bieten hinaus. Gelegentlich tauchen auch durch Erfahrungen der
Identifikation mit Pflanzen oder anorganischen Prozessen in der
Natur neue Informationen auf.

Noch erstaunlicher ist, daß Menschen, die in veränderten Be-
wußtseinszuständen verschiedene archetypische Reiche besuchen
und dort wohnenden mythologischen Wesen begegnen, oft mit
Informationen zurückkommen, die sich durch eine Untersuchung
der Mythologie der entsprechenden Kulturen verifizieren lassen.
Beobachtungen dieser Art waren es, die Carl Gustav Jung vor
vielen Jahren zum Konzept des kollektiven Unbewußten und der
Annahme führten, jedes Individuum könne unter bestimmten
Voraussetzungen Zugang zu dem gesamten kulturellen Erbe der
Menschheit erlangen.

Wenn dennoch Zweifel an der Authentizität der in transpersonalen
Zuständen erworbenen Erfahrungen bestehen sollten, lassen sich
diese leicht durch die Ergebnisse der Untersuchungen der Außer-
Körper-Erfahrungen widerlegen, bei denen sich das Bewußtsein
vom Körper löst, an entfernte Orte »reist« und genau beobachtet,
was dort geschieht. Dies kommt bei spirituellen Krisen vor, bei
Sitzungen in der Selbsterfahrungstherapie und besonders häufig
in Nah-Tod-Situationen. Thanatologen haben das in sorgfältig
kontrollierten Studien bestätigt.

Neben der Authentizität ist ein weiterer wichtiger Aspekt der
transpersonalen Zustände, der das Krankheitsmodell in Frage
stellt, ihr bemerkenswertes heilendes und transformatives Poten-
tial. Jeder, der Zeuge einer unter günstigen Bedingungen verlau-


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fenen spirituellen Krise geworden ist, wird es schwierig finden,
nicht zu der Überzeugung zu gelangen, dies sei ein intelligenter
Schachzug seitens der Psyche. Viele emotionale und psychoso-
matische Störungen scheinen neben biographischen Erinnerungen
und perinatalem Material ihre Quelle in transpersonalen Konstel-
lationen zu haben, die dicht an der Oberfläche liegen. Diese
können unter anderem die Form von Erinnerungen an frühere
Leben, Identifikationen mit verschiedenen Tieren und dämoni-
schen Archetypen annehmen. Wenn solche unbewußten Inhalte
während einer transformativen Krise oder bei der Selbsterfah-
rungstherapie voll ins Bewußtsein aufsteigen, verlieren sie ihren
störenden Einfluß auf das Alltagsleben. Das kann zu einer drama-
tischen Heilung vieler emotionaler und sogar körperlicher Proble-
me führen.

Transpersonale Erfahrungen, die mit positiven Emotionen - wie
Gefühle von Einssein mit der Menschheit und der Natur -,
Zuständen von kosmischer Einheit, Begegnungen mit glückseli-
gen Gottheiten und der Vereinigung mit Gott assoziiert sind,
spielen in dem heilenden und transformativen Prozeß eine beson-
dere Rolle. Während die verschiedenen schmerzhaften und
schwierigen Erfahrungen die Psyche reinigen und den Weg zu den
angenehmeren öffnen, repräsentieren die ekstatischen und verei-
nenden Zustände die Essenz des wahren Heilens.

Bei spirituellen Krisen treten die hier beschriebenen Erfahrungen,
die biographischen, die perinatalen und die transpersonalen, in
diversen spezifischen Kombinationen auf, die die früher beschrie-
benen unterschiedlichen Formen oder Arten von transformativen
Krisen bilden. Die eben untersuchte Kartographie kann daher als
allgemeine Matrix für spirituelle Krisen gesehen werden. Sie kann,
und war es auch schon häufig, eine große Hilfe für Menschen sein,
die diesen fordernden und beanspruchenden Prozeß durchlaufen.