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Rosenkreuzer

 

aus Gasper / Müller / Valentin

"Lexicon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen"


Begriff


Der Begriff umschreibt unterschiedliche Strömungen: Er bezeichnet im 17. Jh. eine Reformbewegung innerhalb des Protestantismus, wird im 18. Jh. von antiaufklärerischen Richtungen im Umfeld der Freimaurerei aufgegriffen und dient seit dem 19. Jh. vor allem als Selbstbezeichnung von Vertretern des modernen Okkultismus. Im Unterschied zum okkultistischen Neo-Rosenkreuzertum spricht man bei ersterer auch vom „älteren Rosenkreuzertum".


Reformbewegung innerhalb des Protestantismus


Die kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg im Tübinger studentischen Freundeskreis des späteren württembergischen Generalsuperintendenten und Hofpredigers Johann Valentin Andreae (1586-1654) entstandenen beiden Rosenkreuzermanifeste „Fama Fraternitatis Oder Brüderschafft des Hochlöblichen Ordens des R. C." (1614) und die „Confessio Fraternitatis" (1615) sowie die von ihm selbst verfaßte „Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz" (1616) sind die ersten Spuren des Gerüchts vom Bestehen einer geheimen Rosenkreuzer-Bruderschaft in der Geschichte.

Sie bezweckten gegenüber einer erstarrten protestantischen Orthodoxie eine Erneuerung des reformatorischen Impulses mit dem Ziel der „Generalreformation" der ganzen Welt und einer christlichen Gesellschaftsordnung. Deren Basis sollte vor allem die Harmonie zwischen (Renaissance-)Wissenschaft und christlichem Glauben sein („Pansophie"), wie man sie z. B. bei Paracelsus fand. Als Vorbild für die Erneuerung von Kirche, Staat und Gesellschaft wurde, dem allegorischen Denken der Zeit gemäß, die literarische Fiktion einer „Bruderschaft" eingeführt, die von einem zwischen 1378 und 1484 lebenden „Christian Rosencreutz" zum Zwecke einer Kirchenreform gegründet worden sei, dessen Grab 120 Jahre nach seinem Tode, im Jahre 1604, von der Bruderschaft wiederaufgefunden worden sei. Die Herkunft der Symbolik wird verschieden gedeutet: Sowohl Luther als auch Andreae selbst trugen in ihrem Wappen die Rose und das Kreuz. Während neben Comenius und Descartes wahrscheinlich auch der „Winterkönig" Friedrich V. von der Pfalz mit der Rosenkreuzerbewegung sympathisierte (F. A. Yates), distanzierte sich Andreae schon 1619 im Vorwort seines christlichutopischen Staatsromans „Christianopolis" von ihr, hielt aber an der Idee karitativer „christlicher Bruderschaften" fest und gründete als Dekan in Calw eine „societas christiana", das sog. „Färberstift".

 

Rosenkreuzer und Freimaurer


Nach dem Ende dieser ersten Phase lebte die Rosenkreuzerbewegung in anderer Gestalt wieder auf durch den Einfluß, den englische Rosenkreuzer, vor allem der Alchemist und Astrologe Elias Ashmole (1643 -1727), auf die entstehende Freimaurerei hatten („mittlere Rosenkreuzer"). Keine Kontinuität zum älteren Rosenkreuzertum besaß dagegen der im 18. Jh. entstandene „Orden der Goldund Rosenkreuzer`: Nachdem er in die deutsche Freimaurerei eingedrungen war, wurde er bis zu seiner Auflösung 1787 in Preußen zu einem Machtinstrument gegen die Aufklärung und aufklärerische Richtung der Freimaurer („Illuminaten"). Mitglied waren u. a. König Friedrich Wilhelm II. und J. Chr. Wöllner.


Bildung neugnostischer Gemeinschaften

Seit dem 19. Jh. dient der Begriff Rosenkreuzer v.a. als Selbstbezeichnung verschiedener Okkultgruppen und neognostischer Gemeinschaften:

1865 erfolgte die Gründung der„ Societas Rosicruciana in Anglia" (SRIA; Mitglieder u. a.: der Theosoph Franz Hartmann und E. G. Bulwer-Lytton, bekannt als Autor von „Die letzten Tage von Pompeji"),
1888 die Gründung des auf die mysteriöse Rosenkreuzer-Tradition eines „Frl. Sprengel" aus Nürnberg sich berufenden „Hermetic Order of the Golden Dawn" (Mitglieder u. a.: W. B. Yeats, A. Crowley, Bram Stoker, Autor des Romans „Dracula"). Obwohl beide Orden erloschen sind, ist der Einfluß des von ihnen hinterlassenen Materials auf okkulte Strömungen bis heute groß. Die Doktrin der heute aktiven Gruppen ist z. T. eng verwandt mit der okkulten „Geheimwissenschaft" und den esoterischen Einweihungswegen der anglo-indischen Theosophie und der Anthroposophie, die ebenfalls beanspruchen, wahre Nachfolger der Rosenkreuzer zu sein (vgl. bes. den „Hybernia"-Kreis innerhalb der Anthroposophie).

Hierzu gehören z. B.: die 1909 nach seiner Abwendung von Rudolf Steiner von Max v. Grashoff unter dem Mädchennamen seiner Mutter („Heindel") gegründete „Internationale Rosenkreuzer-Gemeinschaft (Max Heindel)" mit Sitz in Oceanside (Calif.) bzw. Darmstadt; der um 1916 von Spencer Lewis gegründete„Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis" (AMORC) mit Sitz in San Jose (Calif.) bzw. Baden-Baden, die wohl größte Rosenkreuzer-Organisation der Welt; die seit 1925 entstandene„ Internationale Schule des Rosenkreuzes e. V.lLectorium Rosicrucianum" mit Sitz in Haarlem (Niederlande); die unter Henk Leene, dem Sohn ihres Gründers Jan van Rijckenborgh, von ihr abgespaltene „Esoterische Gemeinschaft Sivas" sowie eine Vielzahl kleinerer Gruppen, wie der „Antiquus arcanus Ordo Rosae rubeae aureae Crucis" (AAORRAC) auf Burg Krämpelstein in Österreich oder die „Fraternitas Rosicruciana" des O.T.O.Führers Hermann Joseph Metzger (früher: Stein am Rhein). In Hamburg ist der Sitz der „Internationalen Weltloge der Bruderschaft zum Rosenkreuz e. V. ", die in Magie und andere Geheimkünste einführen will.


Während bei Heindel deutlich die (damals noch „Theosophie" genannte) Anthroposophie Steiners den Hintergrund der Lehre bildet, erscheint das Lectorium
Rosicrucianum weltanschaulich als ein modernisierter Manichäismus, der sich auf die Katharer und Albigenser zurückbezieht. Ausgangspunkt für den „Weg der inneren Umwandlung" des Menschen ist für die „Geistesschule" des Lectorium Rosicrucianum die Vorstellung von einem im Herzen des Menschen verborgenen „Geistfunkenatom", das vor Äonen „aus der Einheit mit dem Glanz Gottes" herausfiel. Diesen Funken gilt es wiederzuerwecken auf dem Weg eines fünfstufigen „Transfigurationsweges", auf dem der Schüler sein bisheriges „Ich" aufgeben muß.

Die Heindel-Rosenkreuzer kennen einen siebenstufigen Pfad: l. Nachdem man einen Vorbereitungskurs von zwölf Lektionen durchgearbeitet hat, folgt 2. die Schüler-Stufe (2 Jahre), 3. die Prüflings-Stufe (5 Jahre) und 4. die Jüngerschafts-Stufe. 5. Wenn ein „Jünger" die Stufe der Laienbrüder erreicht, bekommt er Zugang zu den Übungen des ersten Grades. Die weiteren Grade entsprechen Bewußtseinsstufen, die z. T. erst in weiteren Erdenleben erreicht werden. 6. Auf der Stufe der Adeptschaft ist man vom Reinkarnations-Zwang frei und erbaut sich nur noch freiwillig einen Leib, um der Menschheit, ähnlich wie die „Aufgestiegenen Meister" (Mahatmas) der Theosophen, bei ihrer Entwicklung zu helfen. 7. Nur die „Älteren Brüder" sind eigentlich „Rosenkreuzer" im Vollsinn. Christian Rosenkreuz war erst das 13. Mitglied des Ordens.

Nach Rudolf Steiner ist es das erste Ziel der Rosenkreuzer, „daß durch ihren Einfluß das wahre Christentum ... eine Synthesis von allen großen Religionen und Weltanschauungen werden soll". Dieser religiöse Synkretismus wird bei den okkulten Rosenkreuzergruppen in die Praxis umgesetzt: „Der Taoismus, der Brahmanismus, der Buddhismus und das Christentum sind wesentlich, als Befreiungslehre und Befreiungsweg, eins in der Gnosis" (Jan van Rijckenborgh).


Quellen: Joh. Val. Andreae: Fama Fraternitatis (1614). Confessio Fraternitatis (1615). Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz. Anno 1459