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Aus Das Abenteuer der Selbstentdeckung

von Stanislav Grof

B. Die Begegnung mit Geburt und Tod:
Die Dynamik perinataler Matrizen

Je tiefer der Prozeß der Selbsterforschung dringt, desto stärker kann
das Element des emotionalen und körperlichen Schmerzes werden.
Er kann einen so extremen Grad erreichen, daß die betreffende
Person der Meinung ist, sie habe die Grenzen des individuellen
Leidens überschritten und verspüre nun den Schmerz einer ganzen
Gruppe von Menschen, der gesamten Menschheit oder gar allen
Lebens überhaupt. Typische Beispiele dafür sind Erlebnisse, in
denen man sich mit verwundeten oder sterbenden Soldaten identifi-
ziert, mit Gefangenen von Konzentrationslagern oder Kerkern, mit
verfolgten Juden und frühen Christen, mit Mutter und Kind während
der Geburt oder sogar mit Tieren, die von einem Feind angegriffen
und zerfleischt werden. Auf dieser Ebene überschneiden sich also
eindeutig biographische Erfahrungen und die vielfältigen transper-
sonalen Erfahrungen, die ich im nächsten Abschnitt beschreibe.
Erlebnisse auf dieser Ebene sind gewöhnlich von heftigen physiolo-
gischen Reaktionen begleitet, etwa von verschieden starken Erstik-
kungsanfällen, von beschleunigtem Puls und starkem Herzklopfen,
von Übelkeit und Erbrechen, von Veränderungen der Gesichtsfarbe,
von Schwankungen der Körpertemperatur, von spontan auftreten-
den Hautausschlägen oder Quetschungen, von krampfhaften Zuk-
kungen, von Zittern, von Verkrümmungen des Körpers oder ande-
ren auffallenden motorischen Phänomenen. In psychedelischen
Therapiesitzungen und gelegentlich in einer Selbsterfahrungsthera-
pie oder in spontan auftretenden Zuständen dieser Art können diese
Phänomene so authentisch und überzeugend sein, daß die betref-
fende Person glaubt, sie würde tatsächlich sterben. Selbst ein
unerfahrener Therapeut oder Zeuge solcher Erscheinungen kann
diese Situation als ernsthafte Bedrohung ihres Lebens empfinden.
Geht die Selbsterforschung nicht über die biographische Ebene
hinaus, müssen sich nur diejenigen, die in ihrem Leben tatsächlich


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schon mit dem Tod in enge Berührung gekommen sind, mit der
Frage des Überlebens und der Vergänglichkeit auseinandersetzen.
Wenn aber der Prozeß der Selbsterforschung den biographischen
Bereich überschreitet, können die Themen von Leiden und Tod das
Bild vollkommen beherrschen. Die Personen, deren Leben oder
körperliche Unversehrtheit noch nicht ernstlich bedroht waren,
können in diesen Erfahrungsbereich unmittelbar hineingeraten. Bei
den anderen leitet das Wiedererleben schwerer körperlicher Trau-
men, Krankheiten oder Operationen in Erfahrungen dieser Art über.
So kann sich das Wiedererleben von Kinderkrankheiten - Lungen-
entzündung, Diphtherie oder Keuchhusten - und einer Situation, in
der man beinahe ertrunken wäre, verstärken und in die quälende
Atemnot während der Geburt umschlagen.

Die für solche Erfahrungen charakteristische unmittelbare Konfron-
tation mit dem Tod ist gewöhnlich eng mit verschiedenen anderen
Phänomenen verknüpft, die eindeutig mit dem Vorgang der biologi-
schen Geburt in Zusammenhang stehen. Während man mit dem Tod
kämpft, erlebt man gleichzeitig, wie man um seine Geburt bzw.
Entbindung kämpft. Außerdem lassen sich viele physiologische
Reaktionen und Verhaltensweisen, die mit solchen Erfahrungen
einhergehen, auf natürliche Weise vom Geburtsvorgang herleiten.
Sehr häufig empfinden sich die betreffenden Personen als Föten und
können verschiedene Aspekte ihrer biologischen Geburt mit sehr
spezifischen und nachprüfbaren Einzelheiten wiedererleben. Das
Element des Todes kann sich in der gleichzeitigen oder abwechseln-
den Identifizierung mit kranken, alternden oder sterbenden Men-
schen bemerkbar machen. Obwohl nicht das gesamte Spektrum
solcher Erlebnisse auf das erneute Durchleben der biologischen
Geburt zurückgeführt werden kann, scheint das Geburtstrauma doch
ein wesentlicher Aspekt dieses Prozesses zu sein. Aus diesem Grund
bezeichne ich diesen Bereich des Unbewußten als perinatal.

Der Begriff perinatal setzt sich aus dem Griechischen peri und dem
Lateinischen natalis zusammen. Peri- bedeutet wörtlich: um etwas
herum oder bei, natalis heißt: die Geburt betreffend. Mit diesem
Begriff werden in der Medizin häufig Prozesse beschrieben, die der
Entbindung unmittelbar vorausgehen, mit ihr verknüpft sind oder ihr
unmittelbar folgen. In medizinischen Lehrbüchern spricht man


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beispielsweise von perinataler Blutung (Hämorrhagie), perinatalen
Infektionen oder perinatalen Hirnschäden. Im Gegensatz zu der
traditionellen Verwendung dieses Begriffs in der Geburtshilfe be-
zieht er sich in diesem Buch auf Erfahrungen. Die gegenwärtige
Neurophysiologie leugnet die Möglichkeit von Erinnerungen an die
Geburt. Gewöhnlich wird als Grund dafür angegeben, daß die
Myelinscheiden in der Großhirnrinde des neugeborenen Kindes
noch nicht voll ausgereift sind. Die Existenz authentischer perinata-
ler Erfahrungen läßt sich aber nicht in Frage stellen. Ihre Häufigkeit
sowie ihre äußerst wichtige klinische Bedeutung sollten Gehirnfor-
schern als ein Anreiz dienen, ihre überholten Theorien zu überprüfen
und zu revidieren.

Die Verbindung zwischen der biologischen Geburt und den oben
beschriebenen perinatalen Erfahrungen ist sehr tiefgehender und
spezifischer Natur. Dies macht es möglich, mit Hilfe der für eine
Geburt typischen Phasen ein theoretisches Modell zu konstruieren,
das die Dynamik der perinatalen Ebene des Unbewußten verstehen
hilft und sogar spezifische Vorhersagen in bezug auf den Tod-
Wiedergeburt-Prozeß bei verschiedenen Personen zuläßt.

Perinatale Erfahrungen treten in typischen Konstellationen auf,
deren Grundmerkmale auf eine erstaunlich logische Weise mit
anatomischen, physiologischen und biochemischen Aspekten der
einzelnen klinischen Geburtsstadien verknüpft sind. Wendet man
das Geburtsmodell auf verschiedene psychopathologische Erschei-
nungsformen an, so gewährt es neue und einzigartige Einsichten in
ihren dynamischen Aufbau und eröffnet revolutionäre therapeuti-
sche Möglichkeiten (Grof 1985).

Trotz seiner engen Verbindung mit dem Geburtsvorgang geht der
perinatale Prozeß über den rein biologischen Aspekt hinaus und
besitzt wichtige psychologische, philosophische und spirituelle Di-
mensionen. Er sollte deshalb nicht reduktionistisch allein vom
konkreten Geburtsvorgang her verstanden werden. Wer selber in
seinem Erleben ganz in dieser Sphäre des Unbewußten gefangen ist
oder sich als Forscher intensiv mit den Phänomenen auf dieser Ebene
befaßt, dem mag die biologische Geburt als allumfassendes Erklä-
rungsprinzip ausreichend erscheinen. Aus einer umfassenderen Per-
spektive aber erscheint eine solche Denkweise zu eng und muß

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erweitert werden. Nach meiner gegenwärtigen Auffassung ist die
Anlehnung an den Geburtsvorgang sehr hilfreich, solange man sich
auf die Phänomene einer bestimmten Ebene des Unbewußten be-
schränkt. Dringt der Selbsterforschungsprozeß in transpersonale
Bereiche ein, muß man ein anderes Denkmodell heranziehen.

Es gibt bestimmte wichtige Merkmale des perinatalen Prozesses, die
unmißverständlich darauf hinweisen, daß dieser ein sehr viel allge-
meineres Phänomen als das Wiedererleben der biologischen Geburt
ist. Aus Beobachtungen im Rahmen der klinischen Arbeit mit
außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen geht hervor, daß tiefere
Ursachen für viele psychopathologische Erscheinungsformen in den
biologischen Aspekten der Geburt zu suchen sind. Tod- und Wieder-
geburt-Erlebnisse haben tiefgehende therapeutische Auswirkungen
auf verschiedene emotionale und psychosomatische Probleme, die
mit dem traumatischen Effekt der Geburt - sowohl für das Kind als
auch die Mutter- zusammenhängen. Sie besitzen aber auch wichtige
transpersonale Dimensionen und können grundlegende Veränderun-
gen im philosophischen und spirituellen Glaubenssystem, in der
Grundhierarchie der Werte und im allgemeinen Lebensentwurf
bewirken.

Die Begegnung mit Geburt und Tod auf dieser tiefen Erfahrungs-
ebene geht in der Regel mit einer existentiellen Krise von außeror-
dentlichem Ausmaß einher, in deren Verlauf sich der einzelne
ernsthaft mit dem Sinn seines Lebens und der Existenz im allgemei-
nen auseinandersetzt. Diese Krise läßt sich nur lösen, wenn man die
Verbindung zu tief im Innern wohnenden spirituellen Dimensionen
der Psyche und Kräften des kollektiven Unbewußten herstellt. Die
daraus resultierende Persönlichkeitstransformation und Weiterent-
wicklung des Bewußtseins ist mit Wandlungen vergleichbar, wie sie
im Rahmen alter Tod- und Wiedergeburt-Mysterien, der Einwei-
hung in geheime Gesellschaften oder verschiedener Übergangsriten
bei Naturvölkern beschrieben worden sind. Die perinatale Ebene ist
somit eine wichtige Berührungsfläche zwischen dem persönlichen
und dem kollektiven Unbewußten, oder zwischen traditioneller
Psychologie und Mystik.

Die Tod- und Wiedergeburtserlebnisse, die die perinatale Ebene des
Unbewußten widerspiegeln, sind sehr vielfältig und komplex. Er-


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lebnisabfolgen, die mit verschiedenen Stadien und Aspekten der
biologischen Geburt zusammenhängen, sind häufig mit verschie-
denartigen transpersonalen Erfahrungen mythologischer, mysti-
scher, archetypischer, historischer, soziopolitischer, anthropologi-
scher oder phylogenetischer Art gekoppelt oder verknüpft. Sie treten
meistens in vier charakteristischen Mustern oder Konstellationen
auf. Dabei scheint es eine tiefere Entsprechung zwischen diesen
Themengruppen und den klinischen Stadien des Geburtsvorgangs zu
geben.

Das Wiederaufleben von Erfahrungen des Fötus in den verschiede-
nen Geburtsstadien hat die Funktion einer selektiven Schablone, die
den Zugang zu den Bereichen des kollektiven Unbewußten öffnet, in
denen ähnliche Bewußtseinszustände eine Rolle spielen. Für die
Theorie und Praxis tiefer erlebnisorientierter Selbsterforschung hat
es sich als sehr nützlich erwiesen, die Existenz von vier hypotheti-
schen dynamischen Matrizen zu postulieren, die die Prozesse auf der
perinatalen Ebene des Unbewußten steuern. Ich bezeichne diese
Matrizen als perinatale Grundmatrizen.

Die Matrizen haben nicht nur eigene emotionale und psychosomati-
sche Inhalte, sondern fungieren auch als Ordnungsprinzipien für
Material aus anderen Ebenen des Unbewußten. So sind - was die
biographische Ebene anbelangt - Elemente wichtiger COEX-Sy-
steme, in denen es um körperliche Mißhandlung, Bedrohung, Tren-
nung, Schmerz oder Ersticken, aber auch umgekehrt um Zustände
biologischer und emotionaler Bedürfnislosigkeit geht, mit speziel-
len Aspekten der perinatalen Grundmatrizen eng verknüpft.

Die Ausfaltung des perinatalen Bereichs geht auch häufig mit
transpersonalen Erfahrungen einher, etwa mit archetypischen Visio-
nen von der Großen Mutter oder der Schrecklichen Muttergöttin, der
Hölle, dem Fegefeuer, dem Himmel oder dem Paradies, mit der
Identifikation mit Tieren und mit Erinnerungen an frühere Inkarna-
tionen. Wie im Fall der Verknüpfung mit verschiedenen COEX-
Systemen ist das Bindeglied zwischen diesen transpersonalen Phä-
nomenen und den perinatalen Grundmatrizen die Ähnlichkeit der
beteiligten Emotionen und Körperempfindungen.

Die perinatalen Matrizen haben auch spezifische Beziehungen zu
verschiedenen Aspekten der Aktivitäten in den Freudschen erogenen


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Zonen und zu verschiedenen psychopathologischen Erscheinungs-
formen (siehe die Übersicht S. 30f). Ich möchte nun im folgenden
die perinatalen Grundmatrizen in der Reihenfolge beschreiben, die
für die entsprechenden Stadien im Verlauf der biologischen Geburt
gilt. Diese Reihenfolge wiederholt sich aber während einer tiefen
Selbsterforschung nur selten. Im Hinblick auf die Abfolge der
Themen aus den verschiedenen Matrizen gibt es zahlreiche Varia-
tionsmöglichkeiten.

1. Die erste perinatale Grundmatrix: Das amniotische
Universum

Die biologische Grundlage dieser Matrix ist die ursprüngliche sym-
biotische Einheit des Fötus mit dem mütterlichen Organismus in der
intrauterinen Existenz. In störungsfreien Phasen des Lebens im
Mutterleib können die Bedingungen für den Fötus nahezu ideal sein.
Verschiedene physikalische, chemische, biologische und psychi-
sche Faktoren können abefdiesen Zustand ernsthaft beeinträchtigen.
Auch wird in der Regel in den letzten Schwangerschaftsphasen die
Situation für das Kind ungünstiger, da es gewachsen ist, seine
Bewegungsfreiheit stärker eingeschränkt und die Plazenta relativ
unzureichend geworden ist.

Perinatale Erfahrungen können sich in einer konkreten biologischen
Form oder in Kombination mit einer Vielfalt von symbolischen
Bildern und vielen anderen, mit ihnen verknüpften Phänomenen
einstellen. Zwischen den einzelnen Geburtsstadien und den mit
ihnen zusammenhängenden Themen besteht eine sehr spezifische
und selektive Beziehung, die von einer für diese Erfahrungsebene
eigentümlichen Logik geprägt ist. Die Identifikation mit dem Fötus
in verschiedenen Stadien des Geburtsprozesses schafft offenbar den
Zugang zu Themen im transpersonalen Bereich, die ähnliche emotio-
nale Zustände und psychosomatische Erfahrungen zum Inhalt ha-
ben. Manche von ihnen haben die Form archetypischer Sequenzen,
in anderen werden Situationen aus der kollektiven Erinnerung der
Menschheit dargestellt, und es gibt sogar solche, die dem hologra-


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phischen Archiv der Natur in bezug auf das Tier-, Pflanzen- oder
Mineralienreich entnommen sind.

So können die Elemente der ungestörten intrauterinen Existenz von
Erfahrungen begleitet sein bzw. mit Erfahrungen abwechseln, die
mit ihnen das Fehlen von Grenzen und Hindernissen gemeinsam
haben. Dazu gehört die Identifikation mit dem Ozean oder verschie-
denen Lebensformen des Wassers (Algen, Seetang, Anemone,
Qualle, Fisch, Delphin oder Wal) ebenso wie die Identifikation mit
dem Kosmos, mit dem interstellaren Raum, mit der Milchstraße
oder mit einem Astronauten, der unter den Bedingungen der Schwe-
relosigkeit im Weltall oder in einem kreisenden Raumschiff dahin-
schwebt. Weitere charakteristische und logische Begleiterscheinun-
gen des glückseligen fötalen Zustands sind Vorstellungen von der
Natur, in denen sie sich von ihrer schönsten Seite zeigt, etwa in Form
wunderbarer Landschaften oder als Mutter Natur, die Sicherheit gibt
und bedingungslos nährt.

Archetypische Themen aus dem kollektiven Unbewußten, denen
man in diesem Zusammenhang begegnen kann, sind die Vorstellun-
gen, die verschiedene Kulturen vom Himmel oder vom Paradies
haben. Dies erscheint auch recht zwingend, da in archetypischen
Beschreibungen des Himmels oft von weiten offenen Räumen, von
strahlenden Himmelskörpem wie der Sonne oder den Sternen sowie
von anderen Elementen und Merkmalen des astronomischen Kos-
mos die Rede ist. Auch erscheint in den für verschiedene Kulturen
typischen Vorstellungen vom Paradies die Natur von ihrer schönsten
Seite, etwa in Form prächtiger Blumen, köstlicher Früchte, exoti-
scher Vögel, des Glanzes von Gold, Silber und Edelsteinen sowie
Strömen oder Quellen mit dem Wasser des Lebens.

Alle beschriebenen Erfahrungen haben einen sehr starken numino-
sen Charakter. Am deutlichsten aber kommt das heilige und spiritu-
elle Element der ersten perinatalen Grundmatrix in den Erfahrungen
der kosmischen Einheit und der unio mystica zum Ausdruck. Solche
Erfahrungen sind gekennzeichnet durch die Überwindung von Zeit
und Raum, überwältigende ekstatische Gefühle (apollinische oder
ozeanische Ekstase), das Empfinden der Einheit alles Seienden ohne
Grenzen sowie tiefe Ehrfurcht und Liebe gegenüber der ganzen
Schöpfung.

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Die Störungen des intrauterinen Lebens sind von Bildern und
Erlebnissen begleitet, die die Gefahren unter Wasser, verschmutzte
Flüsse, Seen oder Meere und eine verseuchte oder in anderer
Hinsicht ungastliche Natur zum Inhalt haben, etwa unfruchtbare
Erde und Schlamm nach Vulkanausbrüchen, Industriedeponien und
Schrottplätze, Wüsten und Einöden. Diese Bilder sind sehr treffend,
wenn man bedenkt, daß die meisten intrauterinen Störungen mit
toxischen Einflüssen der Plazenta oder ungenügender Ernährung
verbunden sind. Noch massivere Störungen, etwa eine drohende
Fehlgeburt oder ein Abtreibungsversuch, werden als universelle
Bedrohung in irgendeiner Form erfahren oder mit blutigen, apoka-
lyptischen Visionen vom Ende der Welt verknüpft.

Ebenso häufig wie die oben beschriebenen Bilder ist die Identifika-
tion mit kämpfenden Soldaten, die mit chemischen Waffen angegrif-
fen werden, mit Menschen, die in den Gaskammern der nationalso-
zialistischen Konzentrationslager starben, und mit Personen oder
Tieren, die vergiftet wurden. Die häufigsten archetypischen Begleit-
motive sind verschiedene heimtückische Dämonen, bösartige meta-
physische Kräfte und unheilvolle astrale Einflüsse, wie sie in den
Mythen verschiedener Kulturen der Welt eine Rolle spielen. An die
Stelle der mystischen Auflösung der Grenzen, wie sie für glückse-
lige Erfahrungen des Fötus charakteristisch ist, tritt die psychotische
Verzerrung und Auflösung aller vertrauten und beständigen Struktu-
ren, die von Furcht und paranoiden Gefühlen begleitet wird.
Positive Aspekte der ersten perinatalen Matrix sind eng mit Erinne-
rungen an die symbiotische Einheit mit der Mutter während des
Saugens an ihrer Brust, mit positiven COEX-Systemen und mit der
Vergegenwärtigung von Situationen verbunden, die von Entspan-
nung, Befriedigung, Sicherheit, innerem Frieden und schönen Na-
turszenerien geprägt sind. Ähnliche selektive Verbindungen gibt es
auch zu verschiedenen Formen positiver transpersonaler Erfahrun-
gen mit ähnlichen Motiven. Umgekehrt sind negative Aspekte der
ersten perinatalen Grundmatrix gewöhnlich mit bestimmten negati-
ven COEX-Systemen und entsprechenden negativen transpersona-
len Matrizen verknüpft.

Was die Freudschen erogenen Zonen angeht, so _fallen die positiven
Aspekte der ersten Grundmatrix mit dem biologischen und psychi-


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sehen Zustand zusammen, in dem es in keiner dieser Zonen Unlust-
spannungen gibt und alle Partialtriebe befriedigt sind. Negative
Aspekte dieser Matrix scheinen spezifische Verbindungen zu kör-
perlicher Übelkeit, Dyspepsie und Verdauungsstörungen zu ha-
ben.

Ich möchte nun die dynamischen Zusammenhänge der einzelnen
perinatalen Matrizen anhand von Beispielen aus den Aufzeichnun-
gen über meine eigenen psychedelischen Selbsterfahrungssitzungen
veranschaulichen. Das folgende ist ein Auszug aus einer Erfahrung
mit einer hohen Dosis LSD (300 Mikrogramm), die hauptsächlich
unter dem Einfluß der ersten perinatalen Grundmatrix stand. Viele
Erfahrungen ähnlicher Art haben wir in Sitzungen mit holotropem
Atmen beobachtet.

Ich hatte das Bedürfnis, mich zusammenzurollen, und es war mir, als
würde ich immer kleiner. Ich schwamm in einer leuchtenden Flüssig-
keit, um die sich ein Netz aus dünnen Fäden spannte. Dieser Zustand
ließ sich leicht als eine tiefe Regression, als eine Rückkehr in die fötale
Existenz erkennen. Ein feines, aber elementares Gefühl von Glückselig-
keit und unerschütterlichem Frieden - einem Frieden jenseits allen
Vorstellungsvermögens - durchdrang mich. Mein Zustand war eigen-
tümlich paradox: ich wurde immer kleiner und kleiner, schrumpfte zu
einem absoluten Nichts zusammen, und doch war mir, als wäre ich
grenzenlos und dehnte mich ins Unendliche aus.

In meiner Phantasie formte sich spielerisch der Gedanke, daß ich eine
graziöse Qualle sei, die im Ozean durch sanfte Wasserstöße vorange-
trieben wurde. Diese anfangs vage, ja traumähnliche Identifikation
wurde allmählich realer. Ich hatte sehr primitive, aber extrem überzeu-
gende phylogenetische Empfindungen, und spürte verschiedene selt-
same Prozesse, die nichts mit der gewöhnlichen menschlichen Erfah-
rung zu tun hatten. Dieser Zustand glitt langsam in eine ebenso
überzeugende Identifikation mit verschiedenen Fischen, mit Seepferd-
chen, Anemonen und sogar Seetang hinüber. Auch hier waren meine
Erfahrungen sehr authentisch und voller erstaunlicher biologischer
Einzelheiten.

Über all diese Erfahrungen spann sich aber das Empfinden, ein im
amniotischen Sack schwimmender Fötus zu sein, der durch die Nabel-
schnur sowie den plazentaren Kreislauf mit dem mütterlichen Organis-
mus verbunden ist. Ich war mir zahlreicher komplexer Austauschvor-
gänge zwischen mir und meiner Mutter bewußt, die teils biochemischer

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und physiologischer, teils emotionaler und sogar telepathischer Natur
waren. Einen Augenblick lang beherrschte das Motiv des Blutes als der
heiligen lebensspendenden Substanz meine gesamte Erfahrung. Ich war
mir bewußt, wie ich durch die Plazenta mit meiner Mutter verbunden
war, und spürte deutlich den Blutstrom durch die Arterien und Venen,
die Zufuhr von Sauerstoff und Nahrung sowie die Absonderung von
Stoffwechselprodukten. Dazwischen eingestreut waren archetypische,
mythologische Motive, in denen es um die Bedeutung des Blutes und
seine numinosen Eigenschaften ging. Durch eine leichte Verschiebung
des Bildes wurde mir auch ein oberflächlicherer Aspekt der gleichen
Erfahrung gegenwärtig, nämlich die authentische Identifikation mit
einem Säugling an der Mutterbrust, für den die heilige, nährende
Substanz die Milch ist.

Gelegentlich wurden die positiven Erfahrungen durch starkes physi-
sches und emotionales Unbehagen und das Gefühl einer mysteriösen,
undefinierbaren Bedrohung unterbrochen. Solche Zustände, die wie
Wellen über mich kamen, schienen eine deutliche chemische Kompo-
nente zu haben. Ich fühlte mich krank, übel, vergiftet. Ich hatte einen
schlechten Geschmack im Mund und es war mir, als müßte ich gleich
erbrechen. Gleichzeitig fühlte ich mich von dunklen metaphysischen
Kräften besessen oder überwältigt. Sobald diese dämonischen Attacken
nachließen, wurde alles um mich herum wieder freundlich, und ich
versank erneut in tiefe ozeanische Glückseligkeit. Ich zog den Schluß,
daß ich wohl Situationen durchlebt haben mußte, in denen die intrauteri-
nen Bedingungen durch irgendwelche ungünstigen Ereignisse im müt-
terlichen Organismus gestört wurden.

Im Laufe der Zeit, als diese Erfahrung schwächer wurde, verwandelte
sich der Ozean um mich herum in weiten interstellaren Raum. Ich kam
mir vor wie ein Astronaut, der im grenzenlosen Kosmos dahinschwebt
und mit seinem »Mutterschiff« durch einen Versorgungsschlauch ver-
bunden ist. Gleichzeitig aber identifizierte ich mich weiter mit einem
Fötus. Das von Sternen erfüllte Universum mit seiner deutlich sichtba-
ren Milchstraße und seinen Millionen von Galaxien bewirkte in mir ein
Gefühl von Ruhe und Gleichmut, das ich nie zuvor für möglich gehalten
hatte. Seine Unermeßlichkeit und Zeitlosigkeit ließen Ereignisse jeder
Art, auch wenn sie noch so wichtig waren, in Bedeutungslosigkeit
versinken.

Gegen Ende der Sitzung konzentrierte sich die Erfahrung auf die Erde,
doch das Gefühl der Zeitlosigkeit blieb bestehen, wenn auch in etwas
veränderter Form. Ich wurde zu einem Mammutbaum, der ungestört


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Zeuge der Ereignisse im Laufe von Jahrtausenden wurde - wie eine
riesige Buddhastatue, die sich nicht durch das Treiben und das Chaos
des menschlichen Lebens in immer wiederkehrenden Zyklen von Tod
und Wiedergeburt bewegen läßt. Dann aber, als ob mir bedeutet werden
sollte, daß die Größe in der Welt des Bewußtseins keine Rolle spielt,
verwandelte ich mich in eine winzige pinus aristata, wie sie in höherge-
legenen Regionen der kalifornischen Gebirge wächst, die ebenfalls
mehrere Tausend Jahre alt werden kann.

Als ich wieder zu normalem Bewußtsein zurückkehrte, war ich erfüllt
von Dankbarkeit für das Wunder des Lebens und die Geschenke der
Natur. In vielen Bildern zeigte sich mir »Mutter Natur«, wie sie alle ihre
Kinder nährte - in Form grüner, saftiger Weiden, wogender Kornfelder,
überquellender Obstgärten; ich Sah die Anbauterrassen in den peruani-
schen Anden, das lebensspendende Niltal und das irdische Paradies der
polynesischen Inseln.

2. Die zweite perinatale Grundmatrix: Kosmisches
Verschlungenwerden und Ausweglosigkeit

Dieses Erfahrungsmuster steht in Verbindung mit dem Einsetzen der
biologischen Geburt und ihrem ersten klinischen Stadium. Hier wird
die ursprüngliche Harmonie und das Gleichgewicht der fötalen
Existenz gestört, zunächst durch alarmierende chemische Signale,
später durch mechanische Kontraktionen der Gebärmutter. Wenn
sich dieses Stadium voll entfaltet, wird der Fötus in periodischen
Abständen durch Gebärmutterspasmen zusammengepreßt. Die Cer-
vix ist nicht erweitert und der Weg nach außen ist noch nicht frei. Da
sich zudem die Arterien, die die Plazenta versorgen, durch das
komplexe spirale, ringförmige und längsgestreifte Gewebe der Ge-
bärmuttermuskulatur winden, wird mit jeder Kontraktion die Blut-
zufuhr und damit die Versorgung des Fötus mit Sauerstoff, Nahrung
und Wärme eingeschränkt.

Konkrete Erinnerungen an die Bedrohung, die für den Fötus vom
Einsetzen der Geburt ausgeht, haben als symbolisches Begleitmotiv
die Erfahrung des kosmischen Verschlungenwerdens. Dazu gehören
überwältigende, immer stärker werdende Angstgefühle und die

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Wahrnehmung einer unmittelbaren Gefahr für das Leben. Die Ursa-
che dieser Gefahr kann aber nicht eindeutig erkannt werden, und so
neigt die betreffende Person dazu, die Welt paranoid zu deuten. Sie
kann zu der festen Überzeugung gelangen, vergiftet zu werden,
unter dem Einfluß von Hypnose oder einer teuflischen Maschine zu
stehen, von einer dämonischen Kraft besessen zu sein oder von
außerirdischen Lebewesen angegriffen zu werden.

Sehr charakteristisch für diese Situation ist das Erlebnis, in die Mitte
einer dreidimensionalen Spirale, eines Trichters oder eines Strudels
erbarmungslos hineingezogen zu werden. Eng verwandt und gleich-
wertig mit dieser Vision von einem vernichtenden Mahlstrom ist das
Erlebnis, von einem furchterregenden Ungeheuer, etwa einem riesi-
gen Drachen, einem Leviathan, einer Pythonschlange, einem Kro-
kodil oder einem Wal verschlungen zu werden. Ebenso häufig
werden Angriffe von Riesenkraken oder Riesenspinnen erlebt. Eine
weniger dramatische Version der gleichen Erfahrung ist der Abstieg
in eine gefahrvolle Unterwelt, in das Reich des Todes, in ein dunkles
Grottensystem oder in ein verwirrendes Labyrinth. Mythologische
Entsprechungen wären etwa der Beginn der Reise des Helden, der
Fall der Engel und die Vertreibung aus dem Paradies.

Einige dieser Bilder mögen dem analytischen Verstand seltsam
vorkommen, doch offenbaren sich in ihnen die Gesetzmäßigkeiten
des Erlebens auf dieser Ebene. Der Strudel symbolisiert eine ernst-
hafte Gefahr für einen Organismus, der frei im Wasser treibt, und
zwingt ihm eine Bewegung in ein und dieselbe Richtung auf. Die
Situation des Verschlungenwerdens stellt den Übergang von Freiheit
in lebensbedrohliche Einengung dar und läßt sich recht gut mit der
Situation eines Fötus vergleichen, der in die Beckenöffnung der
Mutter hineingepreßt wird. Eine Krake fesselt und bedroht Organis-
men, die im Meer leben. Eine Spinne fängt Insekten ein, die bisher
ungehindert herumfliegen konnten, und bringt ihr Leben ernsthaft in
Gefahr.

Das symbolische Gegenstück zum voll entwickelten ersten Stadium
der Entbindung ist die Erfahrung der Ausweglosigkeit oder Hölle.
Die betreffende Person hat das Gefühl, in einer alptraumhaften Welt
wie in einem Käfig gefangen sowie unglaublichen psychischen und
physischen Qualen ausgesetzt zu sein. Die Situation erscheint in der


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Regel als absolut unerträglich, ohne Ende und hoffnungslos. Das
lineare Zeitempfinden geht verloren, und die betreffende Person
kann kein Ende dieser Pein noch irgendeine Fluchtmöglichkeit
erkennen.

Damit verknüpft sein kann die Identifikation mit Gefangenen in
Kerkern oder Konzentrationslagern, mit Insassen einer Irrenanstalt,
mit den Sündern in der Hölle oder mit archetypischen Figuren wie
etwa dem wandernden Juden Ahasver, dem Fliegenden Holländer,
mit Sisyphus, Ixion, Tantalus oder Prometheus. Sehr häufig sind
auch Bilder und Erfahrungen von Menschen und Tieren, die einsam
an Hunger oder in einer ungastlichen Umgebung in der Natur
sterben, etwa in Wüsten und in der klirrenden Kälte Sibiriens oder
des arktischen Eises. Solche Themen spiegeln offensichtlich die
Tatsache wider, daß die Gebärmutterkontraktionen den Fötus von
der plazentaren Blutzufuhr abschneiden, die ja nicht nur die Verbin-
dung zwischen ihm und der Welt sowie dem Menschen aufrechter-
hält, sondern ihn auch mit Nahrung und Wärme versorgt.

Die Person, deren Erleben unter dem Einfluß der zweiten perinatalen
Grundmatrix steht, ist blind für alles Positive in der Welt oder in
ihrem Leben. Typisch sind quälende Gefühle metaphysischer Ein-
samkeit, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Minderwertigkeit, Un-
zulänglichkeit, existentieller Verzweiflung und Schuldgefühle.
Durch das Prisma dieser Matrix erscheint das Leben als ein absolut
sinnloses, absurdes Theater, als eine Farce mit lauter künstlichen
Charakteren und seelenlosen Robotern oder als eine grausame
Zirkusveranstaltung.

Was die ordnende Funktion der zweiten perinatalen Grundmatrix
anbelangt, so zieht sie COEX-Systeme mit Erinnerungen an Situa-
tionen an, in denen man passiv und hilflos von einer destruktiven
Kraft überwältigt wurde, ohne entfliehen zu können. Ebenfalls
hinzutreten können transpersonale Motive mit ähnlichen Merkma-
len.

Im Hinblick auf die Freudschen erogenen Zonen scheint diese
Matrix mit unlustvoll erlebten Spannungen, Schmerzen und Frustra-
tionen in Verbindung zu stehen. Auf der oralen Ebene sind es
Hunger, Durst, Übelkeit und schmerzhafte Reize. Auf der analen
Ebene ist es die Kotverhaltung und auf der urethralen Ebene die

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Urinverhaltung. Die entsprechenden Empfindungen auf der genita-
len Ebene sind sexuelle Frustration und die Schmerzen, die für
Frauen im ersten klinischen Stadium der Entbindung typisch sind.
Die folgenden Aufzeichnungen von meiner psychedelischen Selbst-
erfahrungssitzung mit 300 Mikrogramm LSD enthalten charakteri-
stische Beispiele für eine Erfahrung, die im wesentlichen von der
zweiten perinatalen Grundmatrix bestimmt wird. Zu Beginn finden
sich auch einige Motive, die die biographische mit der perinatalen
Ebene verknüpfen, sowie - in der Schlußphase - Elemente der
vierten perinatalen Grundmatrix. Die für die zweite Matrix typi-
schen Erfahrungen sind im folgenden durch Klammern hervorgeho-
ben.

Die Sitzung fing etwa vierzig Minuten nach Einnahme der Droge in sehr
optimistischer Stimmung an. Ich spürte, wie ich rasch in die sorgenlose
Welt eines zufriedenen Säuglings zurückkehrte. Meine Körperempfin-
dungen, Gefühle und Wahrnehmungen waren äußerst primitiv und
entsprachen in authentischer Weise denen eines Säuglings. Dazu gehör-
ten automatisches Saugen, Lippenbewegungen, reichliche Speichelab-
sonderung und gelegentliches Aufstoßen.

Dieser Zustand wurde immer wieder von Visionen unterbrochen, die
verschiedene Aspekte des hektischen und getriebenen Lebens des
Erwachsenen von heute zum Inhalt hatten, eines Lebens voller Span-
nungen, Konflikte und Leid. Durch den Vergleich mit dem paradiesi-
schen Zustand eines Säuglings spürte ich plötzlich in mir die tiefe
Sehnsucht von uns allen, in diesen Zustand kindlichen Glücks zurück-
zukehren. Ich sah vor mir den Papst mit einem juwelenbestückten
Kreuz. An seiner Hand trug er einen verzierten Ring mit einem großen
Edelstein. Menschenmassen sahen voller Erwartung zu ihm auf. Es
folgten Visionen von Abertausenden von Moslems rund um die Kaaba
in Mekka, die die gleiche Sehnsucht verspürten. Dann tauchten Bilder
von anonymen Massen mit roten Bannern während einer Parade auf dem
Roten Platz in Moskau auf, Massen, die zu gigantischen Bildern von
kommunistischen Führern aufblickten. Ich sah Millionen von Chinesen,
die dem großen Vorsitzenden Mao huldigten, und fühlte ganz stark, wie
die treibende Kraft hinter solchen großen religiösen und sozialen
Bewegungen das Bedürfnis war, den Zustand der Erfüllung und Zufrie-
denheit der frühen Kindheit wiederherzustellen.

Als die Droge dann stärker zu wirken begann, wurde ich plötzlich von
panischer Angst gepackt. Alles wurde dunkel, bedrückend und gefahr-


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voll. Die ganze Welt schien sich um mich zu schließen. Die Visionen
des alltäglichen Leids, die ursprünglich den Gegensatz zu der pro-
blemfreien Welt des Säuglings gebildet hatten, wurden überwältigend
und unerbittlich. Sie zeigten die absolute Hoffnungslosigkeit der
menschlichen Existenz, die von der Geburt bis zum Tod mit Leid
befrachtet ist. Da verstand ich die Existentialphilosophen und die
Autoren des absurden Theaters. Sie wußten darum! Das menschliche
Leben ist in der Tat absurd, gräßlich und äußerst sinnlos. Es ist eine
leere Farce, ein grausames Spiel, das mit der Menschheit gespielt
wird.

Wir leiden bei unserer Geburt, unser ganzes Leben lang und bei
unserem Tod. Ich spürte, wie ich von den Qualen der Geburt und
denen des Todes gleichzeitig überwältigt wurde. Beide vereinten sich
für mich zu einem untrennbaren Ganzen. So gelangte ich zu einer
entsetzlichen Erkenntnis. das menschliche Leben endet mit einer Er-
fahrung, die derjenigen, mit der es anfing, ähnlich ist. Der Rest ist
lediglich eine Frage der Zeit - Warten auf Godot! War es das, dessen
sich Buddha so klar bewußt war?

Es schien mir äußerst wichtig, irgendeinen Sinn im Leben zu finden,
um dieser vernichtenden Erkenntnis etwas entgegenzusetzen. Es
mußte doch etwas geben! Doch die Erfahrung zerstörte unbarmherzig
und systematisch alle meine Bemühungen. Jedes Bild, das ich herauf-
beschwören konnte, um mir klarzumachen, daß es einen Sinn im
Leben gab, wurde sofort wieder in Frage gestellt und lächerlich ge-
macht. Das antike griechische Ideal des brillanten Geistes in einem
schönen Körper hielt nicht lange stand. Die durchtrainierten Körper
von Menschen, die sich noch so enthusiastisch und hartnäckig um sie
bemüht hatten, enden im gleichen senilen Verfall und werden
schließlich wie alle anderen Körper auch durch den Tod zerstört. Das
Wissen, zusammengetragen in Tausenden von Stunden unersättlichen
Fleißes, wird teils vergessen, teils fällt es dem altersbedingten organi-
schen Gehirnabbau zum Opfer. Ich habe Menschen gekannt, die für
ihre intellektuellen Leistungen berühmt waren, die aber im hohen
Alter nicht mit den einfachsten und trivialsten Aufgaben des Alltags
fertig wurden. Und schließlich vollendet der Tod des Körpers und des
Gehirns das Werk der Vernichtung alles Wissens, das ein Leben lang
aufgebaut wurde. Wie steht es damit, Kinder zu haben - ist dies nicht
ein edles und sinnvolles Ziel? Doch an die Stelle von Bildern mit
hübschen lachenden Kindern traten sofort Szenen, in denen gezeigt
wurde, wie sie heranwuchsen, alterten und schließlich ebenfalls star-


41

ben. Man kann nicht seinem Leben einen Sinn verleihen, indem man
Nachkommen zeugt, deren Leben ebenso sinnlos ist wie unseres!
Die Vorstellungen von der Absurdität und Sinnlosigkeit des menschli-
chen Lebens wurden schließlich unerträglich. Die Welt schien voller
Schmerz, Leid und Tod zu sein. Ich war offensichtlich blind für alle
positiven Aspekte der Existenz, oder noch einfacher: es gab für mich gar
keine. Es gab nur unheilbare Krankheiten, von denen das Leben selber
eine war, nur Wahnsinn, Grausamkeiten aller Art, Verbrechen und
Gewalt, Kriege, Revolutionen, Gefängnisse und Konzentrationslager.
Wie war es möglich, daß ich all dies vorher nicht gesehen hatte? Um
irgend etwas Positives im Leben zu finden, muß man eine rosarote Brille
tragen und sich ständig selbst betrügen! Nun kam es mir vor, als wäre
meine rosarote Brille zerbrochen und als wäre ich nie mehr in der Lage,
mich selber so zum Narren zu halten, wie ich es vorher getan hatte.
Ich fühlte mich in einem schier endlosen Teufelskreis aus unerträgli-
chem emotionalem und körperlichem Leid gefangen. Es gab keinen
Ausweg aus dieser alptraumhaften Welt. Auch hatte ich die Gewißheit,
daß noch nicht einmal der Tod - ob ein natürlicher Tod oder durch
Selbstmord - Rettung bedeuten würde. Das war die Hölle! Mehrere
Male nahm die Erfahrung direkt die Form archetypischer Vorstellungen
von infernalischen Landschaften an. Allmählich wuchs aber in mir das
Bewußtsein, daß es in all dieser Finsternis eine Dimension zu geben
schien, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Ich hatte das Gefühl, als
würde mein ganzer Körper mechanisch zusammengepreßt und als wäre
der Bereich um meine Stirn herum am stärksten betroffen. Ich erkannte,
daß all dies irgend etwas mit dem Wiedererleben meiner biologischen
Geburt zu tun hatte, mit der qualvollen Erfahrung der Enge im Geburts-
kanal.

Wenn dies tatsächlich der Fall war, so gab es vielleicht einen Ausweg,
vielleicht schien die Situation nur so hoffnungslos zu sein, wie sie dem
betroffenen Fötus vorkommen mußte. Vielleicht ließ sich das Wiederer-
leben der Geburt durch die Erfahrung zu Ende bringen, wie ich auf die
Welt komme. Lange Zeit aber- es kam mir wie eine Ewigkeit vor- war
ich mir sehr unsicher, ob dieses befreiende Ende tatsächlich eintreten
würde, da es bedeutete, einen Sinn im Leben finden zu müssen. Diese
Aufgabe empfand ich als eindeutig unlösbar, und wenn dies eine
notwendige Bedingung für die Befreiung aus dieser höllischen Situation
sein sollte, so blieb nicht viel Hoffnung.

Plötzlich - ohne vorheriges Anzeichen - löste sich der Druck auf
magische Weise innerhalb von Sekundenbruchteilen und ich war den


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Klauen des infernalischen Geburtskanals entronnen. Licht überflutete
mich, unbeschreibliche Freude ergriff mich, ich sah die Welt und den
Fluß des Lebens mit völlig neuen Augen. Alles schien frisch, glänzte und
explodierte in leuchtenden Farben - wie in den schönsten Bildern van
Goghs. Ich verspürte einen gesunden Appetit. Ein Glas Milch, ein
belegtes Brötchen, etwas Obst schmeckten wie Nektar und Ambrosia der
olympischen Götter.

Später konnte ich mich mit meiner Erfahrung geistig auseinandersetzen
und klar formulieren, was ich Wichtiges überdas Leben gelernt hatte. Die
tiefen religiösen und utopischen Sehnsüchte des Menschen spiegeln nicht
nur sein kindliches Bedürfnis nach dem einfachen Glück wider, wie es
mir zu Beginn dieser Selbsterfahrung vorgekommen war, sondern auch
das Verlangen, den alptraumhaften Erinnerungen an das Geburtstrauma
in die Freiheit nach der Geburt und in die ozeanische Glückseligkeit des
Mutterleibs zu entrinnen. Aber selbst dies bildete nur die Oberfläche.
Hinter allen biologisch determinierten Bedürfnissen gab es auch eindeu-
tig eine echte Sehnsucht nach dem Transzendenten, die sich nicht auf eine
einfache naturwissenschaftliche Formel reduzieren ließ.

Wie mir jetzt bewußt war, rührt der Mangel an Erfüllung im menschli-
chen Leben daher, daß wirmit dem Geburtstrauma und der Angst vor dem
Tod nicht fertig geworden sind. Wir sind nur anatomisch geboren, haben
den Geburtsprozeß aber psychisch noch nicht abgeschlossen und verar-
beitet. Fragen nach dem Sinn des Lebens sind symptomatisch für diese
Situation. Da das Leben zyklisch verläuft und den Tod einschließt, läßt
sich der Sinn unmöglich auf der Basis des rationalen Verstandes finden.
Man muß die Energie des Lebensflusses in sich verspüren und sich seines
Daseins freuen. Dann wird der Sinn des Lebens unmittelbar offenkundig.
So kam ich mir nach dieser Erfahrung auch wie ein Surfer vor, der mit
großer Freude auf der Welle des Lebens reitet.

3. Die dritte perinatale Grundmatrix: Der große Kampf vor
Tod und Wiedergeburt

Viele wesentliche Merkmale dieser komplexen Erfahrungsmatrix
lassen sich von ihrer Verbindung mit der zweiten klinischen Phase
der Entbindung herleiten. In diesem Stadium setzen sich die Gebär-
mutterkontraktionen fort, doch im Gegensatz zum vorhergehenden

43

Abb. I a -f.- Aus einer achtteiligen Folge von Zeichnungen, die den Verlauf
des perinatalen Prozesses in der holotropen Therapie veranschaulichen. Die
Stadium ist die Cervix jetzt erweitert und ermöglicht dadurch eine
allmähliche Fortbewegung des Fötus durch den Geburtskanal. Das
bedeutet einen gewaltigen Kampf ums Überleben, massiven mecha-
nischen Druck und häufig starken Sauerstoffmangel sowie drohen-
des Ersticken.

Wie schon erwähnt, wird aufgrund der anatomischen Gegebenheiten
mit jeder Gebärmutterkontraktion die Blutzufuhr zum Fötus abge-
schnürt. Auch können in diesem Entbindungsstadium viele weitere
Komplikationen den Blutkreislauf einschränken und Atemnot be-
wirken. Die Nabelschnur kann zwischen Kopf und Beckenöffnung
eingequetscht oder um den Hals geschlungen sein. Eine Nabel-
schnur, die ohnehin schon kurz ist oder durch die Bildung von
Schlingen um verschiedene Körperteile verkürzt wird, kann an der
Plazenta ziehen und sie von der Gebärmutterhaut lösen. Dadurch
wird die Verbindung mit dem mütterlichen Organismus unterbro-
chen und ein gefährlicher Grad an Sauerstoffmangel kann die Folge
sein. Am Höhepunkt der Entbindung kann der Fötus mit verschiede-
nen Körpersubstanzen in enge Berührung kommen, nicht nur mit
Fruchtwasser, sondern auch mit Blut, Schleim, Urin und sogar Kot.


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Klientin identifiziert in übersteigerter Form ihre emotionalen und psychoso-
matischen Empfindungen während der holotropen Sitzungen (Forts. S. 46)
Aus der Sicht des Erlebens ist die dritte perinatale Matrix sehr
weitläufig und kompliziert; in regressiver Therapie hat sie die Form
des Kampfes von Tod und Wiedergeburt. Neben dem realistischen
Wiedererleben verschiedener Aspekte des Kampfes im Geburtska-
nal finden sich hier verschiedenartige archetypische und andere
Phänomene, die in charakteristischen Gruppierungen und Abfolgen
auftreten. Dazu gehören vor allen Dingen das Motiv des titanischen
Kampfes, sadomasochistische Erlebnisse, heftige sexuelle Erre-
gung, Bedrohung durch Dämonen, skatologische Erlebnisse und
eine Begegnung mit dem Feuer. All diese Aspekte und Facetten der
dritten perinatalen Grundmatrix lassen sich wiederum aus dem
Erleben der biologischen Geburt logisch ableiten und können zu
verschiedenen anatomischen, physiologischen und emotionalen
Merkmalen des entsprechenden Geburtsstadiums in Beziehung ge-
setzt werden.

Der Aspekt des titanischen Kampfes wird unmittelbar verständlich,
wenn man bedenkt, welche gewaltigen Kräfte in diesem Entbin-
dungsstadium wirksam werden. Der zarte Kopf des Kindes wird
durch Gebärmutterkontraktionen, die einen Druck zwischen 50 und

45

100 Pfund ausüben, in die enge Beckenöffnung gepreßt. Jemand,
der mit diesem Aspekt der dritten perinatalen Grundmatrix konfron-
tiert wird, kann mächtige Energieströme verspüren, die sich auf-
stauen und in explosiver Weise entladen. Eine der charakteristischen
Formen, die diese Erfahrung annimmt, ist die Identifikation mit
entfesselten Naturelementen, etwa mit Vulkanausbrüchen, elektri-
schen Stürmen, Erdbeben, Gezeitenwellen oder Wirbelstürmen.
Andere Erfahrungsmuster wären gewalttätige Szenen aus Kriegen
oder Revolutionen sowie die Identifikation mit den gewaltigen
Energien, die durch die Mittel der Technik von heute freigesetzt
werden - etwa durch thermonukleare Reaktionen, Atombomben,
Panzerwaffen, Raumschiffe, Raketen, Laserstrahlen und Elektro-
kraftwerke.

Eine gemäßigtere Form der titanischen Erfahrung ist das Erleben
verschiedener gefährlicher Abenteuer. Man ist auf der Jagd nach
wilden Tieren oder kämpft körperlich mit ihnen, nimmt als Gladiator
an einem Gladiatorenkampf teil, führt aufregende Expeditionen
durch oder erobert als Soldat neue Stellungen. Verwandte archetypi-
sche und mythologische Motive sind Bilder vom Jüngsten Gericht,
das Fegefeuer, große Taten von Superhelden und Kämpfe von
kosmischem Ausmaß wie etwa zwischen den Mächten des Lichts
und den Mächten der Finsternis oder zwischen Göttern und Tita-
nen.

Die aggressiven und sadomasochistischen Aspekte dieser Matrix
spiegeln den Aufruhr eines Organismus wider, dessen Überleben
durch den Erstickungstod bedroht ist. Hinzu kommen noch die
introjizierten destruktiven Kräfte des Geburtskanals. Aus dieser
Verknüpfung wird klar ersichtlich, warum Sadismus und Masochis-
mus eine logische Einheit bilden, den Sadomasochismus, der zwei
Seiten ein- und desselben Erfahrungsprozesses repräsentiert, also
die zwei Seiten ein- und derselben Münze darstellt. Häufige Themen
in diesem Zusammenhang sind gewalttätiger Mord und Selbstmord,
Verstümmelung und Selbstverstümmelung, Folter, Hinrichtung,
rituelle Opferung und Selbstopferung, blutige Kämpfe von Mann
gegen Mann, Boxen, Freistilringen, sadomasochistische Sexual-
praktiken und Vergewaltigungen.

Die erlebnismäßige Logik der sexuellen Komponente des Tod-


47

Wiedergeburt-Prozesses läßt sich nicht unmittelbar erkennen. Sie
kann durch die Tatsache erklärt werden, daß der menschliche
Organismus von Natur aus über einen physiologischen Mechanis-
mus verfügt, durch den unmenschliches Leiden und insbesondere
drohendes Ersticken in eine seltsame Art von sexueller Erregung und
schließlich in ekstatische Verzückung umgesetzt werden. Beispiele
dafür finden sich in der Geschichte religiöser Sekten, im Leben
einzelner Märtyrer, in Berichten aus Konzentrationslagern, in den
Unterlagen von Amnesty International und in Beobachtungen an
Menschen, die am Galgen hingerichtet wurden.

Die zu dieser Kategorie gehörenden Erlebnisse sind durch eine
enorme Intensität des Sexualtriebs gekennzeichnet, der mechanisch
und ungerichtet ist und zugleich pornographische oder abweichende
Merkmale besitzt. Die Tatsache, daß auf dieser Ebene der Psyche
die Sexualität auf das engste mit Tod, Gefahr, Angst, Aggressionen,
selbstdestruktiven Impulsen, physischen Schmerzen und verschie-
denen Körpersubstanzen (Blut, Schleim, Kot, Urin) verknüpft ist,
bildet eine natürliche Basis für die Entwicklung der bedeutendsten
Sexualstörungen, Variationen von Sexualpraktiken, sexuellen Ab-
weichungen sowie sexuellen Perversionen. Die Verbindung zwi-
schen dem sexuellen Orgasmus und dem Orgasmus der Geburt
bereichert die dynamischen Interpretationen in der Freudschen Ana-
lyse, die auf der Oberfläche der biographischen Ebene verbleiben
und die Bedeutung frühkindlicher sexueller Erfahrungen hervorhe-
ben, um eine tiefere, höchst relevante Dimension, nämlich um die
perinatale Ebene. Welche Folgerungen aus diesen Zusammenhän-
gen für die Erklärung verschiedener pathologischer sexueller Phäno-
mene zu ziehen sind, habe ich eingehend in meinem Buch »Geburt,
Tod und Transzendenz« (Grof 1985) beschrieben.

Das dämonische Element dieses Stadiums kann sowohl den Men-
schen, der diese Erfahrung gerade macht, als auch denjenigen, der
ihm therapeutischen Beistand leistet, vor besondere Probleme stel-
len. Durch das Unheimliche, das den hier auftretenden Motiven
anhaftet, können beide zögern, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Die häufigsten Themen in diesem Zusammenhang sind der Hexen-
sabbath (die Walpurgisnacht), Satansorgien und Schwarze Messen
sowie die Heimsuchung durch böse Mächte. Der gemeinsame Nen-


48

ner zwischen diesem Entbindungsstadium und den Motiven des
Hexensabbaths oder der Schwarzen Messe ist die eigentümliche
Vermengung von Tod, abweichenden sexuellen Gefühlen, Angst,
Aggressionen, skatologischen Elementen und verzerrten spirituellen
Impulsen.

Der skatologische Aspekt des Tod- und Wiedergeburtprozesses
besitzt seine natürliche biologische Grundlage in dem Umstand, daß
das Kind in den letzten Geburtsstadien in enge Berührung mit
Exkrementen und anderen biologischen Stoffen kommen kann. Die
perinatalen Erfahrungen übertreffen aber bei weitem das, was das
Neugeborene eventuell wirklich erlebt hat. Wenn man unter dem
Einfluß dieses Aspekts der dritten Matrix steht, so erlebt man
Szenen, in denen man in Abfällen oder Kloaken herumkriecht, in
Exkrementen schwimmt, Blut oder Urin trinkt oder sich in Fäulnis
befindet. Es ist eine enge und erschütternde Begegnung mit den
schlimmsten Aspekten der biologischen Existenz.

Das Element des Feuers wird entweder in seiner gewöhnlichen Form
erlebt - man identifiziert sich mit Menschen, die Opfer einer
Feuersbrunst werden - oder in einer archetypischen Form als reini-
gendes Feuer (Pyrokatharsis), das alles Verdorbene zerstört und den
Menschen auf seine spirituelle Wiedergeburt vorbereitet. Das Feuer
ist der am wenigsten verständliche Aspekt der Geburtssymbolik.
Das biologische Gegenstück könnte die Überreizung des Fötus und
das damit verbundene wahllose »Feuern« peripherer Neuronen sein.
Interessanterweise haben Mütter in dieser Phase der Geburt häufig
das Empfinden, daß ihre Vagina wie Feuer brenne.

Die religiösen und mythologischen Symbole dieser Matrix haben
überwiegend das Opfer und die Selbstopferung zum Thema oder
bilden eine Kombination aus spirituellem Streben und Sexualität.
Sehr häufig sind Szenen aus präkolumbianischen Opferritualen,
Bilder von der Kreuzigung Christi oder die Identifikation mit Jesus
Christus, Visionen von Gottheiten, die Tod und Wiedergeburt
symbolisieren - etwa von Osiris, Dionysos, Attis, Adonis, Perse-
phone, Orpheus, Wotan oder Balder - sowie die Verehrung der
schrecklichen Göttinnen Kali, Coatlicue, Lilith oder Rangda. Sexu-
elle Motive wären etwa die Anbetung des Phallus, Tempelprostitu-
tion, Fruchtbarkeitsriten, rituelle Vergewaltigung und verschiedene

49

Stammeszeremonien von Naturvölkern, in denen man rhythmische
wollüstige Bewegungen vollführt. Ein klassisches Beispiel für den
übergang von der dritten zur vierten perinatalen Grundmatrix ist der
legendäre Vogel Phönix, der im Feuer stirbt und aus der Asche neu
aufersteht.

Es gibt mehrere wesentliche Merkmale dieses Erfahrungsmusters,
die es von dem zuvor beschriebenen Muster der Ausweglosigkeit
unterscheiden. Die Situation erscheint nicht hoffnungslos und die
Person, die sich in ihr befindet, ist nicht hilflos. Sie ist aktiv beteiligt
und hat das Gefühl, daß ihr Leiden einen ganz bestimmten Weg
nimmt und ein Ziel hat. In der Sprache der Religion ausgedrückt
ähnelt diese Situation mehr dem Fegefeuer als der Hölle.
Außerdem spielt die Person, deren Erleben von diesem Aspekt der
dritten Matrix bestimmt wird, nicht mehr die Rolle eines hilflosen
Opfers. Sie ist vielmehr Beobachter und kann sich mit Aggressor
und Opfer zugleich bis zu dem Punkt identifizieren, an dem sie diese
Rollen kaum mehr auseinanderhalten kann. Auch gehen in der Tod-
und Wiedergeburtserfahrung - im Gegensatz zur Erfahrung der
Ausweglosigkeit, in der es nichts als Leid gibt - Qual und Ekstase
ineinander über. Es erscheint daher angebracht, diese Art von
Erfahrung als dionysische oder »vulkanische« Ekstase zu bezeich-
nen und damit von der apollinischen oder »ozeanischen« Ekstase der
Einheit mit dem Kosmos abzuheben, die mit der ersten perinatalen
Matrix verknüpft ist.

Spezifische Merkmale verbinden die dritte perinatale Grundmatrix
mit COEX-Systemen, die sich aus Erinnerungen an intensive sinnes-
starke und sexuelle Erlebnisse zusammensetzen, und zwar aus
solchen Erlebnissen, die mehr oder minder stark den Charakter des
Gefährlichen haben. Dazu gehören Fallschirmspringen, Autoren-
nen, waghalsige Unternehmungen, Ringen, Boxen, Kämpfe,
Schlachten, Eroberungen, Prostituiertenviertel, Vergewaltigung
oder sexuelle Orgien sowie Vergnügungsparks. Eine besondere
Gruppe bilden Erinnerungen, in denen eine enge Berührung mit
Körpersubstanzen erfolgte, etwa in Verbindung mit Bettnässen oder
Verschmutzung durch Kot. Dazu gehören auch Erinnerungen an die
Sauberkeitserziehung, an Szenen, in denen man Blut fließen sah,
und an Kriegserlebnisse oder Unfälle, in denen man zerstückelte


50

oder verweste menschliche Körper sah. Erinnerungen an große
Brände stellen sich in der Regel in der Phase des Übergangs von der
dritten zur vierten perinatalen Grundmatrix ein.

Im Hinblick auf die Freudschen erogenen Zonen steht diese Matrix
im Zusammenhang mit physiologischen Aktivitäten, die nach länge-
rer Phase der Spannung plötzliche Erleichterung und Entspannung
bringen. Auf der oralen Ebene ist es der Akt des Kauens und
Hinunterschluckens von Essen bzw. umgekehrt der Akt des Erbre-
chens, auf der analen und urethralen Ebene der des Defäkierens und
Urinierens, und auf der genitalen Ebene die Steigerung zum sexuel-
len Orgasmus sowie die Empfindungen einer gebärenden Frau im
zweiten Entbindungsstadium.

Ich greife hier auf die Aufzeichnungen über eine meiner Selbsterfah-
rungssitzungen mit einer hohen Dosis LSD (300 Mikrogramm)
zurück, um die Phänomenologie der dritten perinatalen Grundmatrix
zu veranschaulichen, die die ersten Stunden dieser Erfahrung be-
stimmte. Der weitere Verlauf derselben psychedelischen Sitzung
und ihre Auflösung werden weiter unten im Abschnitt über die vierte
perinatale Matrix beschrieben.

Die Sitzung begann mit einem unglaublichen heftigen Ausbruch trieb-
hafter Kräfte. Wellen von orgiastischen sexuellen Gefühlen überrollten
mich, zum Teil durchsetzt mit äußerst heftigen aggressiven Impulsen.
Ich fühlte mich wie in einer stählernen Maschine gefangen, die mich zu
Tode würgte, und doch war da dieser faszinierende Strom von Lebens-
energien, der mich fortriß. Alles, was ich sah, leuchtete in einem ganzen
Spektrum roter Farben, die etwas Unheilvolles und Numinoses aus-
strahlten. Ich fühlte irgendwie, daß sie die mystische Kraft des Blutes
symbolisierten, die die Menschheit seit Jahrtausenden auf eine seltsame
Weise vereinigt. In mir öffneten sich metaphysische Dimensionen von
Grausamkeiten aller Art, von Folter, Vergewaltigung und Mord, aber
ich empfand auch die Mysterien des Menstruationszyklus, der Geburt,
der Entbindung und des Todes, die Blutsverbindung zu den Vorfahren
und die heiligen Blutsbande der Brüderschaft, der wahren Freundschaft
und der Treue.

Hinter all dem schien sich eine tiefe Identifikation mit einem Fötus zu
verbergen, der verzweifelt versucht, den Fängen des Geburtskanals zu
entrinnen. Ich fühlte in mir die seltsame Kraft, die Mutter und Kind auf
Leben und Tod miteinander verbindet. Instinktiv verstand ich - sozusa-


51

gen mit meinem »Bauch« - das Symbiotische und Vereinigende dieser
Beziehung, aber auch ihren einengenden und erstickenden Einfluß, der
Unabhängigkeit und Autonomie beeinträchtigen kann. Das seltsame
Band der uterinen Verbindung zwischen Großmutter, Mutter und Toch-
ter gewann eine besondere Bedeutung, so als ob es ein tiefes Geheimnis
des Lebens wäre, bei dem Männer ausgeschlossen sind.

Vor diesem Hintergrund identifizierte ich mich mit unzähligen Men-
schen, die für eine große Sache kämpften - mit Revolutionären und
Patrioten aller Zeitalter, die sich gegen irgendeine Form der Unterdrük-
kung wehrten oder die ein anderes kollektives Ziel verfolgten. Einmal
identifizierte ich mich ganz stark mit Lenin und fühlte unmittelbar den
unersättlichen Durst der Massen nach Freiheit, den er verspürt haben
mußte, sowie das Feuer der Revolution, das in seinem Herzen brannte.
Fraternité Egalité Libertd! Bilder von der Französischen Revolution
und vom Sturm auf die Bastille schossen durch meinen Kopf, gefolgt
von ähnlichen Szenen aus Beethovens Fidelio. Ich war zu Tränen
gerührt und fühlte mich eins mit den Freiheitskämpfern aller Zeiten und
aller Länder.

Als die zweite Hälfte meiner Selbsterfahrungssitzung näher rückte,
verschob sich der Schwerpunkt vom Motiv des Todes auf die Motive
von Sex und Gewalt. Farbenprächtige Bilder und Erfahrungen von
Vergewaltigungen, von sadomasochistischen Praktiken aller Art, von
obszönen Varietdshows sowie aus der Welt der Prostituierten und
Zuhälter stürmten auf alle meine Sinne ein. Ich schien mich intensiv mit
allen möglichen Personen zu identifizieren, die die verschiedenartigsten
Rollen spielten, und doch betrachtete ich auch das Ganze als außenste-
hender Beobachter. Und dann schufen malerische Visionen - teils
figurativ, teils gewoben aus den verschlungensten Arabesken - eine
unwiderstehlich verführerische Atmosphäre, die an orientalische Ha-
rems, an Scheherazade und an Märchen aus Tausendundeiner Nacht
erinnerte. Nach und nach kam ein starkes spirituelles Element zu dieser
höchst sinnlichen Erfahrung hinzu. Es schien, als nahm ich an Hunder-
ten von Szenen teil, die afrikanische Stammeszermonien, babylonische
Tempelprostitution, obskure alte Fruchtbarkeitsriten und rituelle Orgien
von Naturvölkern - möglicherweise in Neuguinea oder Australien -
darstellten.

Und plötzlich, ohne Vorwarnung, schlug die Erfahrung um. Ich fühlte
mich umgeben von unbeschreiblich ekelerregendem Zeug, ertrank in
einer Art archetypischer Senkgrube, die den biologischen Abfall aller
Zeitalter zu vereinigen schien. Der Geruch von Fäulnis schien mein


52

ganzes Wesen zu durchdringen. Mein Mund war voller Exkremente, die
mir das Atmen unmöglich machten. Die Erfahrung ging wiederholt in
Szenen über, in denen ich die komplexen Labyrinthe der Abwassersy-
steme dieser Welt sah. Ich hatte das Gefühl, als würde ich immer mehr
mit dem biologischen Abfall aller Großstädte dieser Welt vertraut, mit
jedem Einstiegschacht und jedem Abwasserrohr, das es gibt. Dies war
eine erschütternde Begegnung mit dem Schlimmsten, das die Natur
hervorbringt - mit Ausscheidungen, Abfall, Eiter, Zersetzung und
Fäulnis.

Inmitten dieser horrenden Szenerie schoß mir ein interessanter Gedanke
durch den Kopf. Was ich erlebte, war die typische Reaktion eines
erwachsenen Menschen. Ein Kind oder ein Hund würden vielleicht ganz
anders reagieren, und zweifellos gibt es viele Lebensformen - Bakte-
rien, Würmer oder Insektenlarven -, für die eine solche Umwelt höchst
wünschenswert ist, die in ihr gedeihen. Ich versuchte, mich in solche
Lebewesen hineinzuversetzen und die Dinge aus ihrer Sicht zu erleben.
Mehr und mehr war ich in der Lage, den Ort, an dem ich mich befand, zu
akzeptieren und mich auf eine seltsame Weise wohl zu fühlen.
(Fortsetzung am Schluß des folgenden Abschnitts.)

4. Die vierte perinatale Grundmatrix: Tod und Wiedergeburt
Diese perinatale Matrix hängt mit der dritten klinischen Entbin-
dungsphase, mit der eigentlichen Geburt des Kindes zusammen. Auf
das Vorwärtstreiben durch den Geburtskanal, das mit einer extremen
Steigerung von Angst, Schmerzen, Druck und sexueller Spannung
verbunden ist, folgt eine plötzliche Erleichterung und Entspannung.
Das Kind ist geboren und sieht nach langer Dunkelheit zum ersten
Mal das helle Tageslicht oder das künstliche Licht des Entbindungs-
zimmers. Nach der Durchtrennung der Nabelschnur ist die physi-
sche Trennung vom mütterlichen Organismus abgeschlossen. Nun
muß eine weitgehende physiologische Umstellung erfolgen, damit
der Organismus seine neue Existenz als anatomisch eigenständiges
Individuum beginnen kann. Er muß selber sich mit Sauerstoff
versorgen, seine Nahrung verdauen und sich seiner Abfallprodukte
entledigen.

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Wie schon im Fall der anderen Matrizen können die spezifischen
Aspekte dieses Geburtsstadiums als Erinnerungen an die konkreten
physiologischen Vorgänge und auch an die verschiedenen geburts-
helferischen Maßnahmen wiedererlebt werden. Personen, die über-
haupt nichts über die Umstände ihrer Geburt wissen, können durch
diese Erfahrungen ihre Lage, Besonderheiten der Entbindung, die
Art der verwendeten Betäubungsmittel, Hilfeleistungen während
der Geburt mit Instrumenten oder mit Händen sowie Besonderheiten
der Pflege nach der Geburt bis in letzte Einzelheiten erkennen.

Das symbolische Gegenstück zu diesem letzten Entbindungsstadium
ist die Tod- und Wiedergeburtserfahrung. Sie bedeutet das Ende des
heftigen Überlebenskampfes, der bis dahin stattgefunden hat. Para-
doxerweise hat die betreffende Person, obwohl nur ein kleiner
Schritt sie von einer großen Befreiung trennt, das Gefühl, unmittel-
bar vor einer Katastrophe gewaltigen Ausmaßes zu stehen. Dies
führt häufig zu einem verzweifelten und entschlossenen Kampf, den
Prozeß an dieser Stelle zum Stillstand zu bringen. Läßt man ihm aber
freien Lauf, so wird der Übergang von der dritten zur vierten
perinatalen Grundmatrix von einem Gefühl der totalen Vernichtung
auf allen nur vorstellbaren Ebenen begleitet- von physischer Zerstö-
rung, von emotionaler Auflösung, von intellektueller und philoso-
phischer Niederlage, von tiefster moralischer Verirrung und von
absoluter Verdammnis transzendentaler Ausmaße. Diese Erfahrung
des »Ich-Todes« scheint eine unmittelbare, schonungslose Zerstö-
rung aller Bezugspunkte im früheren Leben des betreffenden Men-
schen nach sich zu ziehen. Ich-Tod und Wiedergeburt sind keine
einmalige Erfahrung. Im Laufe einer tiefen, systematischen Selbst-
erforschung wiederholt sie sich mit unterschiedlichen Schwerpunk-
ten und nimmt immer größere Dimensionen an, bis der Prozeß
abgeschlossen ist.

Unter dem Einfluß der Freudschen Psychoanalyse ist das Konzept
des Ich verknüpft mit der Fähigkeit, die Realität zu testen und im
Alltagsleben richtig zu »funktionieren«. Menschen, die diese stark
eingeschränkte Auffassung vom Ich teilen, erfüllt die Vorstellung
von einem »Ich-Tod« mit Horror. Was aber tatsächlich in diesem
Prozeß stirbt, ist eine im Grunde von Angst geprägte Einstellung zur
Welt, in der die negativen Erfahrungen des betreffenden Menschen


54

während seiner Entbindung und später im postnatalen Leben zum
Ausdruck kommen. Diese Einstellung macht sich bemerkbar in
Form von Minderwertigkeitsgefühlen, des Bedürfnisses, auf alle
möglichen Gefahren vorbereitet zu sein, des Verlangens, alles unter
Aufsicht und Kontrolle zu haben, von Bemühungen, sich selber und
anderen etwas zu beweisen, und von ähnlichen Elementen mit
problematischem Wert.

Wenn der Ich-Tod In seiner letzten und vollständigen Form erlebt
wird, dann bedeutet er das unwiderrufliche Ende der philosophi-
schen Identifikation mit dem, was Alan Watts als das »von Haut
umhüllte Ich« (»skin-encapsulated ego«) bezeichnet. Wird diese
Erfahrung gut verarbeitet, dann ist das Ergebnis nicht nur größere
Lebensfreude, sondern auch eine größere Fähigkeit, im Leben zu
bestehen. Auf die für den Ich-Tod charakteristische Erfahrung der
totalen Vernichtung und des »Aufschlagens auf dem Boden des
Kosmos« folgen unmittelbar Visionen von blendend weißem oder
goldenem Licht, das übernatürliche Schönheit ausstrahlt. Sie kön-
nen als Offenbarung von göttlichen archetypischen Wesen, als
Regenbogenspektren, verschlungene Muster eines Pfauengefieders
oder übernatürlich schöne Landschaften empfunden werden. Man
verspürt tiefe spirituelle Befreiung, Erlösung und Rettung, ist geläu-
tert und unbelastet von Angst, Depressionen oder Schuld. Damit
einher geht eine Flut von positiven Emotionen gegenüber sich
selber, gegenüber anderen und gegenüber der Existenz im allgemei-
nen. Die Welt erscheint als ein schöner und sicherer Ort, und die
Lebensfreude wird ungemein gesteigert.

Es sei aber betont, daß diese Beschreibung nur für den Fall einer
normalen und komplikationslosen Geburt zutrifft. Ein überlanger
und entkräftender Verlauf der Entbindung, die Benutzung von
Geburtszangen, die Anwendung von Vollnarkose oder andere Kom-
plikationen und Interventionen können spezifische Verzerrungen
und Abnormitäten in der Phänomenologie dieser Matrix bewir-
ken.

Die speziellen archetypischen Symbole für die Erfahrung von Tod
und Wiedergeburt können aus vielen Bereichen des kollektiven
Unbewußten stammen, da jede größere Kultur ihre eigenen mytho-
logischen Formen für diesen Prozeß besitzt. Der Ich-Tod kann in

55

Verbindung mit verschiedenen zerstörerischen Gottheiten - mit
Shiva, Huitzilopochtli, Moloch, Kali oder Coatlicue - oder aber in
der vollkommenen Identifikation mit Christus, Osiris, Adonis,
Dionysos, Balder und anderen mythischen Wesen, die geopfert
wurden, erfahren werden. In einer solchen Offenbarung kann sich
das Göttliche vollkommen abstrakt als eine strahlende Lichtquelle
oder je nach Religion mehr oder weniger personifiziert darstellen.
Ebenso häufig sind Erlebnisse der Begegnung oder Vereinigung mit
den großen Muttergöttinnen wie der Jungfrau Maria, Isis, Lakshmi,
Parvati, Hera oder Kybele.

Was den biographischen Bereich angeht, so können Erinnerungen
an persönliche Erfolge, den glücklichen Ausgang von gefährlichen
Situationen, das Ende von Kriegen oder Revolutionen, lebend
überstandene Unfälle oder Genesungen nach schweren Krankheiten
wach werden. Im Hinblick auf die Freudschen erogenen Zonen ist
die vierte perinatale Grundmatrix auf allen Stufen der libidinösen
Entwicklung mit Befriedigungszuständen verknüpft, die unmittel-
bar auf Aktivitäten folgen, welche unlustvolle Spannungen gelöst
haben-mit der Sättigung des Hungers durch Essen, mit erleichtern-
dem Erbrechen, Defäkieren oder Urinieren, mit dem sexuellen
Orgasmus und mit der erfolgreichen Entbindung eines Kindes.

Das folgende ist die Fortsetzung der im Abschnitt über die dritte
perinatale Grundmatrix beschriebenen Selbsterfahrungssitzung mit
LSD. Im Mittelpunkt steht zunächst der Übergang von der dritten
zur vierten Matrix, anschließend finden sich charakteristische Erfah-
rungselemente der vierten Matrix.

Ich war zufrieden mit mir, daß ich die schwierige Aufgabe bewältigt
hatte, einen Aspekt meiner biologischen Natur, den unsere Kultur
verabscheut, zu akzeptieren. Das Schlimmste sollte aber noch kommen.
Plötzlich schien ich jede Verbindung mit der Realität zu verlieren, so als
ob man mir einen Teppich unter den Füßen weggezogen hätte. Alles
brach in sich zusammen, meine ganze Welt schien in Stücke zu gehen.
Mir war, als hätte man ein monströses metaphysisches Abszeß meiner
Existenz geöffnet. Die gigantische Blase meiner lächerlichen Selbsttäu-
schung war aufgeplatzt und ließ die Lüge meines Lebens zum Vorschein
kommen.

Alles, woran ich jemals geglaubt hatte, was ich jemals getan oder


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erstrebt hatte, was meinem Leben einen Sinn gegeben hatte, schien
plötzlich durch und durch falsch zu sein. All das waren nur bemitlei-
denswerte Krücken ohne jeden wahren Wert gewesen, mit deren Hilfe
ich versucht hatte, mich durch die unerträgliche Wirklichkeit meiner
Existenz zu schlagen. Ihre Bruchstücke stoben nun auseinander wie die
Samen von Löwenzahn im Wind, hilflos war ich dem abgrundtiefen
Schrecken der letzten Wahrheit ausgesetzt - dem sinnlosen Chaos der
existentiellen Leere. Mit unbeschreiblichem Entsetzen erblickte ich
über mir die gigantische und drohende Gestalt einer Gottheit. Instinktiv
erkannte ich in ihr den Hindugott Shiva, der hier das Destruktive
verkörperte. Ich spürte die Wucht seines riesigen Fußes, der mich in
kleine Stücke zertrat und mich wie ein lästiges Stück Hundescheiße auf
dem Boden - auf dem Grund des Kosmos - verschmierte.

Im nächsten Augenblick erhob sich vor mir die schreckenerregende
riesige Figur einer dunklen Gottheit, in der ich die indische Göttin Kali
erkannte. Mein Gesicht wurde durch eine unwiderstehliche Kraft in ihre
klaffende Vagina gedrückt, die voll von Menstruationsblut und widerli-
cher Nachgeburt schien. Nun wußte ich, man verlangte von mir die
absolute Unterwerfung unter die Kräfte der Existenz und unter das von
der Göttin personifizierte weibliche Prinzip. Mir blieb nichts anderes
übrig, als mit äußerster Ergebenheit und Demut ihre Vulva zu küssen
und zu lecken. In diesem Augenblick, der das letzte und unwiderrufli-
che Ende jedes Gefühls von männlicher Überlegenheit, das ich jemals in
mir verspürt haben mochte, bedeutete, wurde die Erinnerung an den
Augenblick meiner biologischen Geburt wach. Mein Kopf tauchte aus
dem Geburtskanal, mein Mund war in engem Kontakt mit der blutenden
mütterlichen Vagina. Ich wurde nun überflutet von übernatürlich strah-
lendem und schönem Licht, dessen Strahlen sich in Tausende herrliche
Muster eines Pfauengefieders zerteilten. Aus diesem goldenen Glanz
tauchte die Gestalt einer großen Muttergöttin auf, in der sich Liebe und
Schutz aller Zeitalter zu verkörpern schienen. Sie breitete ihre Arme
nach mir aus und umhüllte mich mit ihrem Wesen. Ich tauchte in dieses
unglaubliche Energiefeld ein und fühlte mich geläutert, geheilt und
versorgt. Etwas wie Ambrosia, wie eine archetypische Mischung aus
Milch und Honig, floß in einem nicht enden wollenden Strom durch
meinen Körper.

Nach und nach verschwand die Gestalt der Göttin in einem noch
strahlenderen Licht. Dieses Licht schien von nirgendher zu kommen,
trug aber persönliche Züge und strahlte unendliche Intelligenz aus. Mir
wurde klar, daß ich jetzt die Vereinigung oder Verschmelzung mit dem

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universellen Selbst oder Brahma erlebte, über die ich in Büchern über
indische Philosophie gelesen hatte. Die Erfahrung war objektiv nach
etwa zehn Minuten vorüber, aber sie bewegte sich außerhalb aller
Zeitvorstellung und schien für mich eine Ewigkeit zu dauern. Der
Strom der heilenden und Kraft spendenden Energie sowie die Visio-
nen vom goldenen Licht mit dem herrlichen Spiel der Strahlen, das
an Pfauengefieder erinnerte, hielten die ganze Nacht an. Das Wohl-
gefühl, das sich auf diese Weise einstellte, verließ mich viele Tage
lang nicht. Die Erinnerung an diese Erfahrung blieb über Jahre hinaus
lebendig und hat meine gesamte Lebenseinstellung von Grund auf
verändert.

Ich möchte den Abschnitt über die perinatalen Wirkungsmechanis-
men mit dem Bericht über eine holotrope Sitzung eines klinischen
Psychologen beenden, der vor kurzem an einem unserer fünftägigen
Seminare teilnahm. Zu Beginn des Workshops stellte er sich den
anderen in der Gruppe als ein überaus angespannter Mensch vor, der
in seinem Leben kaum etwas anderes als die Arbeit kennt, dem nur
der Erfolg bei schwierigen Projekten so etwas wie Befriedigung
bringt und der die Herausforderung und den Kampf liebt. Seine
Atemsitzung führte zu einem tiefen Gefühl der Erleichterung und
Entspannung. Sein Bericht ist ein gutes Beispiel für eine intensive
Geburtserfahrung, die durch ihre elementare Gewalt, ihren sinnvol-
len Bezug zum Alltagsleben und durch ein erstaunliches richtiges
Detail einen intelligenten, skeptischen und wissenschaftlich ausge-
bildeten Menschen zu überzeugen vermochte.

Zu Beginn identifizierte ich mich mit einem schuppigen wurmähnlichen
Tier und machte eine Anzahl entsprechender Bewegungen. Ich wand
mich wiederholt spiralenförmig von meinem Rücken zu meinem Bauch
und wieder zurück. Plötzlich spürte ich auf meinen Füßen Berührungen,
die ich als lästig und einengend empfand. Ich fing an, gegen sie
anzukämpfen, zunächst nur leicht, später mit zunehmender Kraft und
Entschlossenheit. Dieser Kampf intensivierte sich allmählich bis zu
einem solchen Ausmaß, daß ich mir sicher war, ich würde um mein
Leben kämpfen.

Später hatte ich herausgefunden, daß ich von fünf Personen nach unten
gedrückt werden mußte, weil ich den anderen Leuten im Raum bedroh-
lich nahe gekommen war. In mir formte sich der Gedanke, daß ich
niemals aufgeben würde, selbst wenn die ganze Welt gegen mich wäre.


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Mit Tricks, mit Kraft und mit lauten Schreien kämpfte ich gegen die
Hilflosigkeit und die übermächtigen Feinde.

Während ich nach unten gedrückt wurde, redete Stan ständig auf mich
ein, daß er und die anderen um mich herum nicht meine Feinde seien,
daß sie mir helfen wollten, meine Erfahrungen bis zum Ende zu
durchleben. Nach einiger Zeit konnte ich in meinem Kampf das Wieder-
erleben meiner Geburt erkennen. Ich muß dazu sagen, daß das Gefühl
der Hilflosigkeit unentwegt massiven Widerstand in mir hervorrief,
niemals Resignation. Ein ähnliches Verhaltensmuster kenne ich auch
aus meinem alltäglichen Leben.

Meine heftigen Bewegungen und lauten Schreie erreichten einen Höhe-
punkt und ließen dann nach. Ich geriet in eine Phase der Entspannung.
An diesem Punkt entschloß ich mich, mich aufzusetzen. Als Stan mir
sagte, es sei noch zu früh, zuckte mir die Erkenntnis durch den Kopf:
»Ich bin eine Frühgeburt!« Ich legte mich wieder hin, wurde an meinem
ganzen Körper zugedeckt und hatte das Gefühl, ich könnte all die
verlorene Zeit in der Gebärmutter wettmachen. Das war sehr schön. Ich
fühlte mich glücklich und war in der Lage, innerlich locker zu lassen.
Plötzlich verspürte ich einen sehr intensiven Geruch nach Leder. Dieser
Geruch kehrte immer wieder und ich empfand ihn als sehr, sehr
angenehm. Ich befand mich in einem Zustand äußerster Entspannung,
etwas, was ich von meinem Alltagsleben überhaupt nicht kannte. Ich
war in der Lage, meine Visionen richtig zu genießen. Dieser starke und
intensive Geruch nach Leder war der bemerkenswerteste Aspekt meiner
Erfahrung. Ich war sehr erstaunt und wußte nichts damit anzufangen.
Später, als wir uns in der Gruppe unsere Erlebnisse erzählten, fragte ich
Stan, was dieser Geruch sein könnte. Er erwiderte mir, der Geruch nach
Leder gehöre wohl nicht zu den symbolischen und archetypischen
Aspekten der Geburt. Meine Wahrnehmung müßte vielmehr mit den
tatsächlichen Gegebenheiten während meiner Entbindung zu tun haben.
Später an jenem Abend fand ich heraus, daß meine Mutter in einem
Ledergeschäft gearbeitet hatte und am Tage meiner Entbindung bis spät
in den Abend hinein Lederhosen auf ihrem Schoß genäht hatte. Sie hatte
nicht damit gerechnet, daß die Wehen schon an diesem Tag einsetzen
würden, und als Fruchtwasser abfloß, glaubte sie fälschlich, sie hätte es
an der Blase. Auch meine allererste Zeit nach der Geburt war eng mit
dem Geruch nach frischem Leder verknüpft, da meine Mutter kurz nach
meiner Entbindung zu Hause weiter an Lederhosen nähte.

Ich bin überzeugt, daß ich meine Geburt wiedererlebt habe und daß auch
der Geruch nach frischem Leder eine authentische Erinnerung war.


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